die andere Musik

   
Geschätzte Kundschaft
Zürich, 6. Dez. 2006

Der aktuelle Katalog November 2006 liegt als PDF bei und kann auch unter www.recrec-shop.ch betrachtet werden, dort sind alle bisherigen Rundmails des Jahres auch im Nachhinein noch zu
finden.

Das Jahresende 2006 naht: keine langen Reden ausfeilen, sondern Aufbruch über den mühsamen Hügel der Nummerologie. Es gäbe viel zu kommentieren, zu bejubeln & beklagen - ich begnüge mich mit Aufzählen von drei Tiefpunkten:

1. Seit 1. April 2006 wurden die Ausland-Posttaxen massiv erhöht, eine CD (knapp über 100 Gramm) in Europa kostet nun 4.50 Fr B-Post, 6.50 Fr A-Post,Einschreiben zusätzlich 6.- Fr. Eine LP 13.- Fr A-Post, 8.- Fr B-Post. 2 LP's sind bereits über 500 Gramm, kostet 21.- Fr A-Post, 12.- Fr B-Post. Heute morgen verschickte ich 9 CD's nach Amerika, über 1 KG, kostet 45.- Fr A-Post, Einschreiben? Genau, nochmals 6.- Fr. Weitere haarsträubende Infos & Adressat von Protestschreiben www.swisspost.ch

2. Das NICK CAVE-Konzert im Kongresshaus mit Eintrittspreisen zwischen 70.- bis 140.- Fr, während ich hier zunehmend den CD-Preis von 32.- Fr (bzw. 28.80 Fr mit der 10% Stempelkarte) gegenüber neuer Kundschaft rechtfertigen muss. Ich empfehle dem Organisator Allblues beim nächsten mal zwischen 140.- Fr bis 210.- Fr zu wählen, klappt bestimmt auch!

3. Die Livesex-Show an der "Exstasia", organisiert vom Technopapst ARNOLD MEYER mit minus 08/15 % Intelligenzquotient, frei nach dem Motto "z'Oerlike gits alles!"

Danke für den Support, das unermüdliche Feedback & die Anregungen!

Zürich, 6. Dezember 2006, Veit F.Stauffer

PS: Letzter Verkaufstag 2006: Samstag, 30. Dezember Erster Verkaufstag 2007: Dienstag, 9. Januar

Mit ihrem zweiten Album "Ys" (32.- Fr) hat die junge Sängerin/Harfenistin JOANNA NEWSOM zweifellos das Album des Jahres in der Kategorie "Female Artist" erschaffen, mit Hilfe des grossen Konzertmeisters & Teilzeit-Strandbuben VAN DYKE PARKS, der mit seinen überschäumenden String-Arrangements die Kulissen und Gewänder hin- und herschiebt, mit einer abgrundtiefen Zärtlichkeit & Raffinesse! Bjoerk und Kate Bush wurden als Vergleiche bereits herangezogen, schon möglich - bedeutender scheint mir der Einfluss der halb vergessenen KAREN DALTON (1938-93). Die fünf langen Tracks zwischen 7 und 16 Minuten erinnern auch an das weit unterschätzte Solo-Album "Manhole" (1973) von Grace Slick, kurz bevor sie mit Jefferson Starship im seichten Mainstream bruchlandete. Klang Newsoms erstes Album "Milk-Eyed Mender" (März 2004) in meinen Ohren noch allzu sehr nach Minnie Mouse und gezierter Kleinmädchenstimme, schwingt sich die Sängerin hier auf zu einer erstklassigen gesanglichen Leistung! Sogar das fotorealstische Covergemälde von Benjamin A.Vierling, eine Mischung aus Mittelalter, Hippietum & Gegenwart, trifft die anzutreffende musikalische Ambiente haargenau. Harp & Vocals Recorded By STEVE ALBINI. Mixed By JIM O'ROURKE. String Arrangements by VAN DYKE PARKS.

Seit Jahren verfolgt VICTOR DE BROS aka FIZZE aka PEENI WAALI (ein Leuchtkäfer in Jamaica) seine ganz eigene Vision von "Fusion", bzw. Weltmusik, mit "Sha" (32.- Fr) unter dem Namen PEENI WAALI VS. SCHILDPATT in enger Zusammenarbeit mit dem Hackbrettspieler ROLAND SCHILTKNECHT, ist ihm das bisher beste Werk gelungen. Bereits beim ersten Track "Der mit dem Derwisch tanz" geht uns das Herz auf, ein wehmütiges Hackbrett schwingt hinauf zu klagendem Muezzin-Gesang, angetrieben von einem grossartigen Bass im Stil von Bill Laswell, der übrigens zusammen mit Hector Zazou über der ganzen Produktion zu schweben scheint. Es sind aber andere klingende Namen aus dem internationalen Musikzirkus, die Fizze in seinem Ostschweizer Studio "Mensch" in einzelnen Schnipseln aufgenommen hat. Allen voran sein Mentor LINTON KWESI JOHNSON, der bereits 1999 eine "Best Of Peeni Waali" auf seinem Label LKJ veröffentlichte, BARBARA DENNERLEIN an der Hammonorgel, die Jodlerin BETTY LEGLER, die Bassisten HEIRI KÄNZIG & ALAIN APOLOO, der Santur-Spieler ALAN KUSHAN, die halbe Crew der DEBILE MENTHOL, der schwedische Akkordeonist LARS HOLLMER usw. Jede Menge heimischer wie exotischer Instrumente, in Track 3 "Sha Zoo" gibt es ein ausgekochtes GENTLE GIANT-Medley zu bewundern. Aber am Treffendsten bringt es das Backcover auf den Punkt: "Sound-stalking alpine & persian inflections, drum and bass oriented improvisations, remixes, dubs, ambiances, collages & genuine creations from the work in progress of Peeni Waali and Schildpatt - Featuring santur master Alan Kushan and all the other masters".

RIO REISER "Himmel & Hölle" (32.-Fr, wurde im März 2002 bei Moebius mit schönem Kartoncover neu veröffentlicht, der folgende Text erschien - leicht gekürzt - am 19. Oktober 2006 in der Zürcher Wochenzeitung unter der Rubrik "Immer & Ewig"):

Bereits die späten Ton Steine Scherben der frühen 80er Jahre machten ihren Flirt mit dem "Schlager", nicht erst als Rio Reiser (1950-96) zum "bösen" Konzern Sony wechselte, um humorvolle Kapitalismus-Persiflagen ("Geld", "Manager") und tief ergreifende Balladen ("Zauberland", "Stiller Raum") einzuspielen, die nicht alle durch kitschige Keyboards oder sterile Drumbox ruiniert wurden. Rio Reiser hatte eine verschwenderische Fülle an kreativen Gaben (phasenweise inspirierenden Komponenten wie Alkohol oder jugendlichen Liebhabern nicht abgeneigt), um ein Spektrum zwischen radikaler Agitation ("Macht kaputt, was euch kaputt macht") und Kraft spendender Poesie abzuliefern. Besonders eindrücklich auf seinem weit unterschätzten letzten Album "Himmel & Hölle", mit Abstand sein wichtigstes Werk unter eigenem Namen. Allein das erste Stück "Irrlicht" schleudert uns dermassen fiebrige Wortfetzen entgegen, dass noch kommende Generationen im Deutschunterricht daran zu nagen haben. Wer wissen will, warum Rio Reiser bereits mit 46 Jahren starb, erfährt allerhand in "Gefahr", seine sarkastische Ohrfeige auf die ideale Zweierbeziehung. Tief unter die Haut geht auch die aufwühlende "Hoffnung": der erschöpfte "König von Deutschland" gibt da buchstäblich die Krone ab. Das ganze Album ist durchtränkt von einer Dringlichkeit und Authentizität, die angesichts des baldigen Todes von Rio Reiser wie Zündstoff wirkt, durchdrungen von feuchten Tränen. "Erst wer hört, mit welcher Liebe er Politik machte versteht, wie politisch seine Liebeslieder
sind" (Bänz Friedli). Die soeben veröffentlichte 13 CD-Box "Das Gesamtwerk" von Ton Steine Scherben bringt meine aktuelle Rio Reiser-Fieberkurve vollends in den roten Bereich...

Eine grossartige Fleissleistung bedeutet "Hot Love" (68.- Fr, Verlag Patrick Frey), die Geschichte des Swiss Punk & Wave 1976-80, herausgegeben vom umtriebigen LURKER GRAND ( of "Klang & Kleid" St.Gallen). Mit grossem Mitarbeiterstab wurden alle möglichen Quellen angezapft, um ein möglichst abgerundetes Bild dieser spannenden Aufbruchszeit zu zeigen. Natürlich erlebt jede Person, die damals im Zentrum oder am Rande dabei gewesen war, heute ihren ganz "eigenen Film" im Rückblick, insofern wurde auch zum Glück auf ausufernde pseudo-intellektuelle Analysen verzichtet. Ein Highlight ist bestimmt das Gespräch von Suzanne Zahnd mit 6 Aktivistinnen, inkl. Marlene Marder (Kleenex), Sara Schär (TNT) und Sylvia Holenstein (Mother's Ruin). Es gibt zahlreiches Bildmaterial, Fotos wie auch Abbildung von Badges, Fanzines & Konzertflyern. Zwei Seiten (S. 58/59) präsentieren hervorragende Illustrationen (u.a. zu Bootleg-Kassetten von RAMONES & CLASH) von PAUL WEIXLER, der dann erst 2003 sein Debut "Freiwild" veröffentlichte. Dazu gibt es als Beilagen zwei Poster im Weltformat mit Stammbaum aller Bands sowie Farbabbildung der veröffentlichten Vinyls & Kassetten. Das schönste Detail ist eine Widmung mit blauem Filzstift an meine Eltern "Für Doris + Serge - Stephan" im September 1980 auf der ersten Kassette "Noise Boys" von STEPHAN EICHER, als dieser Schüler der Farbe + Form im Zürcher Drahtschmidli war. Meiner Meinung nach hätte die Zeit auf Ende 1982 ausgedehnt werden müssen, um z.B. die relevanten Polit-Punks des F.D.P.-Lagers miteinzubeziehen und somit die Wurzeln des späteren YOUNG GODS-Drummers Use Hiestand sowie der späteren HAPPY SAD-Sängerin Babs Hiestand freizulegen, mit DRESSED UP ANILMALS, DRASKE, PUTSCH, KARL LOEWENHERZ usw. - mit Ausläufern bis hin zu den holländischen THE EX. Oder auch BELLEVUE mit "Passport To Boredom", für mich nach wie vor einer der besten Punksongs aus Zürich und 1983 endlos in der Jukebox des Rest. Ziegel gelaufen. Gleichzeitig mit dem Buch erschien die DVD "Punk Cocktails" (38.- Fr) von RENE UHLMANN, die 2CD "Sheer Hilariousness" (38.- Fr) sowie die Vinyl-Single "I've Got A Whole Lotta Love/I Don't Mind" (8.- Fr) von RUDOLPH DIETRICH, eine tolle auf 1000 limitierte LP der NASAL BOYS "Lost & Found" (28.- Fr Nummeriert), mit einer Collage von KASPAR PFENNINGER und Fotos von PIETRO MATTIOLI.