die andere Musik

   
Liebe Leute!
Zürich, 4. Februar 2008

Das Jahr 2008 hat gut begonnen! Ein starkes neues Album aus der Westschweiz mit ADRIEN KESSLER's "Darling" (Anfang Mai 08 auf CH-Tour, gesucht wird noch ein Datum in Zürich!) - Das ENSEMBLE RAYE (ex-DEBILE MENTHOL) spielt am 24. Feb 08 im Zürcher Moods erstmals in neuer Besetzung! - Der momentan umtriebigste Konzertorganisator in Kleintheatern, ULRICH SCHUWEY aus Wädenswil, bringt am Ostersamstag die dänischen ANALOGIK ins Theater Ticino (siehe PDF im Anhang, es spielt über Ostern 19.-21.März 08 am Paquson-Festival auch BEN JEGER mit BARBARA GASSER und das Tangoorchester BOULOURIS 5!)

Gleich morgen Dienstag, 5. Februar 2008 um 20h20 spielt die phänomenale Sängerin DAYNA KURTZ im Zürcher El Lokal. So eine Überraschung schafft eben nur VIKTOR BÄNZIGER, und dies erst noch zu seinem 56. Geburtstag. Seine Vorschau von letzter Woche will ich Euch nicht vorenthalten:
"Die amerikanische Singer-Songwriterin Dayna Kurtz hängt wieder ihre alte Gibson-Gitarre um bei uns. Was für eine Nacht war das damals, als sie erstmals bei uns hawaiierig mit dem Weinflaschenhals über die Saiten schlidderte... Spätestens bei den ersten Tönen ihrer tief bluesgetränkten Stimme wird es einem warm ums Herz und angenehm flau im Magen. "The sink is full, the plants gone yellow, oh love, where did you go?" sang sie. Und wie einsam und verloren man sich fühlen kann damals im Septemberregen bei uns an der Sihl. Diese ausserordentliche Stimme, oft verglichen mit der von Nina Simone und anderen Jazzgrößen, hat längst eine unverwechselbare eigene Identität entwickelt. Dayna versteht es trefflich, den Gefühlen entsprechend fein zu dosieren: die leisen, fast in der Stille verwehenden Töne der Trauer und Melancholie bis hin zur scharfen, schreienden Attacke. Die enttäuschte Abrechnung mit verflossenen Liebschaften und ihrem einstigen Idol, Beat-Autor Jack Kerouac. Ihr Gesang in einem zur blauen Jazzballade umgedeuteten Countrysong von Johnny Cash gleicht dem eines Saxophons. Eine berauschende Version des Prince-Songs "Joy In Repetition". Und zwischendrin immer wieder kleine witzige Bemerkungen, etwas scheu dahingenuschelt, aber in der Gewissheit: "most of you speak better English than my president!" Nach 2 Stunden verabschiedete sich Dayna Kurtz. Es war vielleicht das allerschönste Konzert in unseren 20 Jahren und jetzt überraschend wieder hier, weil eine Show in Italien ausgefallen ist....."

Ihre Stimme ist schlicht atemberaubend, speziell in den tiefen Lagen, ich hatte sie im Frühling 2003 durch ihr zweites Album "Postcards From Downtown" entdeckt, auch BERGERAUSCH-Sängerin BETTINA KLÖTI schwärmt für DAYNA KURTZ seit einem miterlebten Konzert in Spanien.... Es hat noch Tickets an der Abendkasse!

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BRIAN AGRO "Procession Of The Ornaments" (32.-) Das dritte Album mit Klavierwerken von BRIAN AGRO (*1953), dem in Berlin lebenden Komponisten aus Kanada, eingespielt vom Zürcher TOMAS BÄCHLI. Das ist einerseits aufhellende Musik in der Tradition des Franzosen ERIK SATIE (1866-1925) und des Spaniers FEDERICO MOMPOU (1893-1987) - andererseits darf ruhig auch das Erfolgsalbum "Solo Piano" von GONZALES ins Spiel gebracht werden. Produziert von CHRISTOPH GALLIO. Cover von ROLF WINNEWISSER.

KEVIN AYERS "Unfairground" (32.-) Dieses Album bringt die ganze Essenz des unbeschwerten Troubadours KEVIN AYERS auf den Punkt, es wurde zurecht als sein bestes Album bezeichnet und seine Rückkehr nach 15 Jahren enthusiastisch gefeiert. Musikalisch ist es hervorragend ausgearbeitet mit filigranen Arrangements, die weit über den Durschnitt herausragen. Seine warme dunkle Stimme ist einmalig geblieben durch all die 40 Jahre seiner Karriere, seit seinen Anfängen mit SOFT MACHINE. Dass KEVIN AYERS während den 70er Jahren mit seinen süffigen, abwechslungsreichen, herzerwärmend charmanten Soloalben nie der Durchbruch gelang, bleibt eines der grossen Rätsel der Popmusik. Feat. HUGH HOPPER, SAN FADYL, EURO CHILDS, PHIL MANZANERA, BRIDGET ST.JOHN etc.

BAD EXAMPLES "Human Hell" (32.-) STEFAN SCHWANDER (der Kopf von BAD EXAMPLES aus Düsselforf) ist das deutsche Pendant zu JOSEPH RACAILLE (France) und SIMON JEFFES/PENGUIN CAFE (UK). Das fünfte Werk "Human Hell" (Atatak Label) schliesst an die besten Frühwerke von 1995 und 1997. Dieses auch deutlich von KRAFTWERK beeinflusste Ensemble ist zu bizarr elegantem Kraut-Lounge fähig, und amüsiert uns teilweise mit platten 08/15-Sounds der Rhythmusmaschine - was eben den ganzen Effekt ausmacht! Moderne "Musique d'Ameublements" - ERIK SATIE lässt grüssen! Zuverlässig produziert von PYROLATOR.

OREN BLOEDOW & JENNIFER CHARLES with LA MAR ENFORTUNA "Convivencia" (32.-) Das zweite Album von LA MAR ENFORTUNA, einem Nebenprojekt der ELYSIAN FIELDS, gewidmet FEDERICO GARCIA LORCA, ist eine berauschende experimentelle Reise in den arabischen Raum. War das Debut vom Frühling 2001 eine geglückte Aufarbeitung von traditionellen sephardischen Melodien, heisst es über "Convivencia": "Blending musical styles from all over the Judeo-Spanish diaspora, from Salonica to Havana". Fredi Bosshard schrieb kürzlich eine sehr schöne Hymne über das Album in der Zürcher Wochenzeitung.

VINICIUS CANTUARIA "Cymbals" (32.-) Der Brasilianer mit europäischem Plattenvertrag hat sein neustes Album kürzlich im Zürcher Moods vorgestellt, ein sehr entspanntes und stimmungsvolles Konzert, gewidmet der modernen Form des Bossa Nova. Feat. MARC RIBOT, ERIC FRIEDLANDER, BRAD MEHLDAU, JENNY SCHEINMANN u.a.

ROBERT COYNE "Death Is Not My Destiny" (32.-) Keine gängigen Schubladen passen zu ROBERT COYNE, Vater & Sohn waren auf den letzten Alben von KEVIN COYNE vereint. Charmant deprimierende Songballaden mit leichtem JOY DIVISION-Touch, eingekleidet mit einem soliden 80er Jahre-Sound. Etwas monoton auf die Länge, dem tiefschürfenden Songwriter wünscht man beim hoffentlich zweiten Album musikalisch etwas mehr Gehalt. Verblüffende Aehnlichkeit mit der Stimme des jungen PETER GABRIEL. Uebrigens die neuste Produktion auf dem deutschen Turpentine-Label, geführt von der sympathischen & umtreibigen Witwe HELMI COYNE!

ADRIEN KESSLER with "DARLING" (32.- ex-GOZ OF KERMEUR) Ein starkes, ein wuchtiges Album aus Genf. Aufgenommen 2006 in Berlin und kürzlich veröffentlicht im Umfeld der besetzten Kulturbühne CAVE 12. Kopf ist Bassist/Sänger ADRIEN KESSLER, 1992-97 mit drei Alben von GOZ OF KERMEUR und im Juli 1995 als furiose Vorband der YOUNG GODS in bester Erinnerung. "Darling" egalisiert den Power von David Thomas (PERE UBU) & John S.Hall (KING MISSILE) zu ihren besten Zeiten! Der englisch singende KESSLER geht kreative und vielseitige Wege, mit Elementen der Satire und und beinahe diebischem Schalk, eingebettet in einen energisch angetriebenen, futuristischen Keyboard/Gitarren-Sound. Hinterlässt uns euphorisiert und überwältigt, "Perfection" ist ein grossartiges Beispiel dafür. Verblüffend auch das einzig französisch gesungene "Pupilles" Richtung Stadionrock;-). Vorläufig ist das Werk im kleinen REC REC Laden zu erwerben...

PJ HARVEY "White Chalk" (32.- Fr, auch LP zu 24.-) Ueberzeugend neu erfunden hat sich PJ HARVEY mit "White Chalk", ihrem ersten Album mit meist akustischen Instrumenten. Dies ergibt eine gespenstische Intimität, zuweilen glauben wir bei PJ HARVEY auf der Bettkante zu sitzen. Eher Kammermusik also, aber von einer berstenden Intensität in der Stimme und den Arrangements, die bereits zahlreiche ihrer früheren Alben zum Ereigniss machten. In dem Sinne auch ihr erstes "Weird Folk"-Album zur Stimmung der Zeit. HARVEY spielt Zither & Brokern Harp, zahlreiche Instrumente wurden verwendet vom Ensemble um JOHN PARISH & ERIC DREW FELDMAN, sogar Mellotron! Sehr angenehm entspannt, aber auch berührend hintergründig. "Lullabies for the new dark ages" haben Legendary Pink Dots vor 25 Jahren ähnliches Material bezeichnet. Aber im Vergleiche mit dem grossen Opus "Marble Index" 1968 von NICO doch um einiges heiterer.

MICHAEL HURLEY "Ancestral Swamp" (32.-) Wurde auch Zeit, dass dieser grossartige, altgediente Folk/Blues-Barde von der "menschlichen Bevölkerung" entdeckt wurde. Als Ebay-Beobachter kann ich bestätigen, dass für seine frühen Platten der 60er/70er Jahre bis zu 500.- Dollar geboten werden. War seine frühe Band HOLY MODAL ROUNDERS (die für den "Easy Rider"-Soundtrack 1968 eine überzeugende Perle "Bird" ablieferten, zahlreich mit den FUGS aufgetreten sind, sowie KAREN DALTON zu ihrem einzigen Gastspiel auf "Alegged In Their Own Time"/1972 verleiten konnten), zuweilen allzu stark dem "Gimmick Folk" zugeneigt, ist HURLEY seit 15 Jahren zu einer grossartigen Altersform hineingewachsen, 1994 vom Münchner Trikont-Label mit dem Album "Sweet Korn" gewürdigt. Wie KEVIN COYNE oder CAPTAIN BEEFHEART malt Hurley seine Cover gekonnt in eigener Regie. Mit göttlichem Timbre in der Stimme: intensiv, nonchalant - zugleich total entspannt! Feat. TARA JANE O'NEIL & DAVE REISCH.

BEN PERWOSKY "Moodswind Orchestra" (32.-) Seit seinem Auftritt mit JOAN AS POLICEWOMAN im Moods bin ich mit dem eigenwilligen New Yorker-Drummer BEN PERWOSKY in Kontakt, dieses Album ist auf seinem eigenen Label "El Destructo" erschienen, mit einer illustren Gästeschar: OREN BLOEDOW, DOUG WIESELMANN, STEVEN BERNSTEIN, JENNIFER CHARLES, BEBEL GILBERTO, JOAN WASSER etc. Ein unspektakuläres, feines/leises "Fusion"- Album, welches irgenwo an Robert Wyatt erinnert, sowie an die beiden längst vergriffenen Alben von Annette Peacock & Paul Bley aus den 70er Jahren.

SIOUXSIE "Mantaray" (32.- Fr, Ltd. Edition with Postcards: 35.-, LP zu 30.-) Manche Musik auf neuen Alben entwickelt sich manchmal erst nach Wochen und Monaten, auch wenn das Opus vielleicht nur monatlich gehört wird, die Zeit arbeitet mit. Beim nächsten Hördurchgang kannst du die bereits wahrgenommenen Reize ausblenden und dich auf weniger Vordergründiges konzentrieren. Manchmal funktioniert der "Sesam öffne dich"-Effekt nicht, andere male auf wundersame Weise. Auch wenn mir zuweilen das allzu perfekte Styling von SIOUXSIE auf den Geist ging - die Faszination war da, seit dem Debut "The Scream" von 1978. SIOUXSIE ist die ungekrönte Queen des "Gothic Punk" (neben ihrer dunklen Schwester LYDIA LUNCH), lange vor dem 4AD-Label mit Cocteau Twins, Dead Can Dance, This Mortal Coil etc.) "Mantaray" verblüfft mit einem urgewaltigen, metallenen und dennoch differenzierten Sound - sowie drei eindrücklich tiefgründigen Balladen 5. "If it doesn't kill you" 7. "Sea of tranquility" 10. "Heaven & alchemy" - die SIOUXSIE mit ihrer unnachahmlichen Stimme zelebriert. Patti Smith, Lene Lovich, Danielle Dax & Kate Bush waren ihre Zeigenössinnen, später beinflusste sie Björk, Madonna, Portishead sowie hundert Prozent aller heutigen "Gothik-Gruftie-Dark Wave-Zombie"-Bands mit Frauengesang! "Mantaray" gibt es auch in einder edlen Vinyl-Ausgabe zu 30.- Fr.

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Nachruf auf ROSA VILLIGER (1955-2007)
"Don't Cry, Don't Fear, A Healing Voice, Kissed Your Ear" SIOUXSIE, 2007
Sie gehörte zu den schönsten Punkfrauen von Zürich um 1980. Was sie für uns Jungs noch attraktiver machte, war ihre umwerfende 6-jährige Tochter Nina, die ihre ersten Lebensjahre in einer turbulenten WG verbrachte, mit immer viel Besuch und Festen, Bob Marley und Nina Hagen. ROSA begleitete die Gründung von REC REC Zürich (Dewe & Veit) mit zunehmendem Interesse, 1980-81 war sie in unserer Rec Rec-Wohnung in Wollishofen häufig auf Besuch, sie ging mit dem Mitbewohner "Sirup". Der wurde alsbald abgelöst vom Berliner "Johnny", der kurz zuvor nach Zürich übergesiedelt war - und sie gebar ihre zweite Tochter Laura. Vom abgehobenen, bzw. komplexen Sound im Stile von Univers Zero oder Henry Cow hielt Rosa nicht viel, aber das von Brian Eno produzierte Werk "No New York" (mit Beiträgen von Lydia Lunch, James Chance, Mars und Dna) war für sie ein Türöffner in eine neue Welt. Erstmals ging sie alleine raus um Platten zu kaufen: Tuxedomoon, Residents, Cabaret Voltaire, Devo, Chrome, Einstürzende Neubauten, Abwärts, Malaria, Kleenex/Liliput, Wirtschaftswunder, Diamanda Galas, Half Japanese, Birthday Party, Blurt, Poison Girls, Red Krayola, Fred Frith's Massacre, Dead Kennedys, The Fall usw.
Am Freitag 16. Nov 07 schloss ich den Rec Rec-Laden für drei Stunden, um an ihrem Abschied dabeizusein. Die letzten Jahre ihrer Krankheit wurden gemildert durch einen herzlichen Kontakt zu ihrer Enkelin Lynn, sowie einer letzten grossen Liebe, Emil Gut. Irene Schweizer wohnte 15 Jahre im selben Haus wie Rosa und spielte drei Stücke am Klavier, darunter unverkennbar ein Stück von
Thelonious Monk. Emil schrieb völlig zurecht in der Todesanzeige: "Liebe Rosa, Du bist mein
Stern, geh und sei da".

PS: Ihre beiden Töchter führen seit 2-3 Jahren das beliebte Szene-Cafè "Casablanca" an der Langstrasse, gleich beim Helvetiaplatz.

Keep In Touch!
Herzliche Grüsse:
Veit F. Stauffer, 4. Februar 2008