die andere Musik

   
Geschätzte Kundschaft,
Zürich, 4. April 2009

Das musikalische Jahr 2009 hat toll begonnen: nach hervorragenden Konzerten von ANALOGIK, LONELY DRIFTER KAREN, IVA BITTOVA, ANTONIO SOLER, FRANCOIZ BREUT und PIERRE OMER folgt am Freitag, 24. April 09 HAZMAT MODINE in Stans: http://www.stansermusiktage.ch/

Der absolute Bestseller des REC REC SHOP von 2008 mit über 150 Verkäufen ist das Debut von HAZMAT MODINE, eine Band aus New York, die mit ihrem abwechslungsreichen "Uplifting-Mix" aus Tom Waits-Sound, Blues-Harp, Klezmer & Gypsysound mein Publikum in Verzückung versetzte. Der Gesang erinnert u.a. an Screamin' Jay Hawkins, David Thomas (Pere Ubu) und Captain Beefheart - aber vor allem: es gibt noch Tickets für das Konzert!

Es ist ein gesundes Zeichen, wenn ein kleiner Musikladen es schafft, sozusagen im Alleingang Zeichen zu setzen. Auf der Webseite meines grossen Bruders Cede.CH werden Bands im Trend in der Regel heftig diskutiert, gleichbedeutend als Gradmesser der Popularität. Die beiden Alben von ANALOGIK haben dort bis heute keinen Eintrag, trotzdem haben die jungen Dänen auf ihrer 5-tägigen CH-Tour im Januar 09 Triumpfe gefeiert: noch selten habe ich das Restaurant Ziegel der Roten Fabrik so brechend voll erlebt!

Ansonsten: das (Schweizer) Tonträger-Business schlägt Kapriolen noch nie beobachteter Art. Es wird für uns Läden immer schwieriger, in annehmbarer Frist an bestimmte Tonträger heranzukommen, bei dieser Flut der Umstrukturierung... Sämtliche Majorfirmen (Emi, Sony-Bmg, Universal, Warner) haben vor Jahren ihre Auslieferungen ins Ausland verlegt, natürlich verbunden mit unsinnig langen Anfahrtswegen. Ursprünglich hiess es, der Kunde werde von einem grösseren Repertoire profitieren - fast eher das Gegenteil ist der Fall! Inzwischen wurde zahlreiche Belegschaft entlassen und (als Beispiele) das finnische Jazztrio oder die nächste junge Sängerin aus Frankreich wird von der Majorfirma spätestens nach 18 Monaten gestrichen, wenn sie denn hier überhaupt angeboten wurde. Nach dem Niedergang des REC REC-Vertriebes vor Jahresfrist ist sein langjähriger "Konkurrent" DISCTRADE unlängst noch viel sang- und klangloser verschwunden.... (Notabene die zwei wichtigsten Zürcher Independent-Vertriebe, die sich noch 1983 darum stritten, wer nun mehr Recht habe, das ROUGH TRADE-Label zu vertreiben...). Die momentan zwei stärksten Independent-Vertriebe der Schweiz sind Irascible (Lausanne) und Musikvertrieb (Zürich), trotzdem gibt es zahlreiche interessante Labels ohne Vertrieb, die dann mit etwelchem Aufwand direkt importiert werden müssen. Wöchentlich dreimal werde ich zudem von atemlosen Kundinnen & Kunden nach bisher unbekannten Namen gefragt, meine Recherchen im Netz landen regelmässig in einer Sackgasse: man kann das Lied zwar auf Youtube oder Myspace hören und sehen, es gibt aber (noch) keine physischen Tonträger!

Trotzdem würde ich nicht Veit heissen, wäre ich nicht ein unverbesserlicher Optimist. Obwohl es durchaus Tage gibt, an denen man sich wie in einem Wintersport-Kurort fühlt OHNE SCHNEE oder wie bei einem grossen Fest nach dem AUFSTUHLEN (Duden: "Stühle hochstellen, damit der Boden gereinigt werden kann"), kommen garantiert immer auch wieder die aufbauenden Momente, dank einer treuen Stammkundschaft sowie einer sich ständig wandelnden Laufkundschaft, die hier etwas Leben in die Bude bringt (damit sind natürlich auch die 25 Prozent Mailorder-Kunden gemeint, mit denen mich manche "Freundschaft" verbindet, auch wenn ich sie zuweilen noch gar nie gesehen habe). Explizit begrüsse ich hier auch erstmals die zunehmende deutsche Kundschaft, die für mich eine wertvolle Bereicherung darstellt.

Ein paar kurze CD-Tipps:

LHASA "Lhasa" (32.- Fr ab 17. April) - Ihr drittes Album kommt nach 1998 und 2003 in ihrem ganz eigenen Timing. Gehört habe ich die Scheibe noch nicht, aber eine Kostprobe unter http://lhasadesela.com/ lässt keine Zweifel offen, dass hier uns ein weiteres Meisterinnen-Werk erwartet. Vorbestellungen werden auf jeden Fall vor meinem Urlaub ausgeliefert! Möglicherweise kommt LHASA im November 09 in die Schweiz.

PIERRE OMER "Pierre Omer" (32.- Fr / LP 28.- Fr) - Ein charmantes und charismatisches Album des nach Barcelona ausgewanderten Akkordeonisten, nach seinem Abschied von den DEAD BROTHERS. Erstmals hören wir die schöne Stimme von PIERRE OMER, die meisten Instrumente hat er selber eingespielt. Mal klingt es nach clownesken LAMBCHOP, dann wieder nach einem in den Jungbrunnen gefallenen KEVIN AYERS, über allem schwebt das melodiöse Flair von ERIK SATIE: ein absolutes Bijoux im Frühjahr 2009. Siehe auch sein erstes Nebenprojekt LES COLLEGUES PASHA (2003), nach wie vor lieferbar!

STAHLBERGER "Rägebogesiedlig" (32.- Fr) - Produziert von GUZ mit einem Cover von ADRIAN ELSENER: Wenn STILLER HAS in St.Gallen angesiedelt wäre, so überzeugend würde das ungefähr klingen. MANUEL STAHLBERGER, diesmal mit Band, besticht mit seinem unwiderstehlichen Ostschweizer Dialekt, lakonischem Humor und absurd-skurrilen Alltagsbeobachtungen.

CLAUDE CHALHOUB "Diwan" (32.- Fr) - Sein zweites Album erschien beim kleinen Herzog-Label in Deutschland, nach seinem Debut 2001 (auf Warner, bereits vergriffen). Auch hier waren wieder einige Recherchen notwendig, um es zu finden. Erneut eine einzigartig verzaubernde Mischung von klassischer Geige mit Elementen der arabischen Musik.

PJ HARVEY & JOHN PARISH "A Woman A Man Walked By" (32.- Fr) - Ein weiteres geglücktes Album der unverwüstlich eigenständigen und einflussreichen PJ HARVEY, zum zweiten mal im Team mit JOHN PARISH. Eine gehaltvolle Wagenladung für Leib & Seele.

Danke & Gruss: Veit F. Stauffer

PS. Anbei noch eine lesenswerte Rezension "Die Modernität von Antonio Soler" aus dem Winterthurer Landboten (bitte PDF nach unten scrollen)!