die andere Musik

   
Hi Folks - Dear Customers (all over Switzerland & abroad)
Zürich, 22. Oktober 2009

Inhalt: Aktuelle Neuheiten bis Mitte Oktober 2009 in der Liste anbei, Text von Bänz Friedli zur neuen STILLER HAS, Text von Frank Heer zur neusten Helsinki-Jukebox mit RAYMOND PETTIBON (Vernissage Do, 29. Okt 2009) - dazu als sensationelle Beigabe: ein GESAMTKATALOG 30 Jahre REC REC über 286 Seiten, Remastered by Veit F. Stauffer, August 2009

Reichliche Herbsternte mit JELLO BIAFRA, BLACK HEART PROCESSION, MARI BOINE, CARLA BOZULICH & EVANGELISTA, ANOUAR BRAHEM, KARI BREMNES, VIC CHESNUTT, DISTELMEYER, ELEMENT OF CRIME, FLAMING LIPS, BRIGITTE FONTAINE, HEINER GOEBBELS, GOLDENE ZITRONEN, GONG feat. STEVE HILLAGE, GÖLDIN & BIT TUNER, HORNROH, DANIEL JOHNSTON, KARL'S KÜHNE GASSENSCHAU, KULTUR SHOCK, SONDRE LERCHE, MICKEY 3D, JEAN-LOUIS MURAT, YOKO ONO, HOPE SANDOVAL, SCHWEIZER VOLKSPOP, SUFJAN STEVENS, SUN RA, JULIE TIPPETTS, TONIGHT & ONLY uva....

Was versteht eigentlich die Geschäftsleitung FOUTRIQUET unter dem Spruch neulich auf dem Telefonbeantworter: "Wir haben unseren Geschäftsführer in die herbstliche Weiterbildung geschickt?" - Antwort: Acht Tage Kuraufenthalt im bayrischen Allgäu, in Bad Wörishofen, mitsamt Schwiegereltern. Drei Tage Jetlag mit markanten Schlafstörungen im Haus in dem der famose Wasserpeiniger KNEIPP (1821-97) gewirkt hat... Nette Umgebung & Nachbarschaft, flache hüglige Landschaft. Flanieren im Städtchen, uraltes wunderschönes Dorfkino entdeckt, inkl. Gedenktafel für Regiesseur FASSBINDER, der im Ort 1945 geboren wurde.... genug Bücher im Gepäck dabei, aber Stauffer wollte unbedingt die Hausbibliothek der Pension aufsuchen und griff nach den Memoiren von CARL ZUCKMAYER (1896-1977): noch nie hatte er eine solch brillante Analyse des aufkommenden Nazitums um 1933 gelesen. Höhepunkt der Woche: eine dreistündige Führung mit dem Förster Kalkus, am Dienstag um 14h30, Mindestteilnehmerzahl 3: wir waren 4 wackere Eidgenossen. Kalkus gab nicht nur erstaunlich exakte Informationen zu Fauna & Flora der Gegend, sondern entpuppte sich auch als redseliger Begleiter, der früher 18 Jahre als Stuntman gearbeitet hat, u.a. im TATORT "Die Abrechnung" (1975) mit Maria Schell.... Zweite Woche gab es stimulierende Ausfahrten an bisher unbekannte Konzertorte: zur erneut überzeugenden Sängerin/Keyboarderin JOAN AS POLICE WOMAN im Südpol Luzern und zum legendären JONATHAN RICHMAN im Cafe Kairo Bern. Habe kurz abgeschweift, um die viel gestellte Frage "Häsch schöni Ferie gha?" bereits vorauseilend zu beantworten...

GESAMTKATALOG 2009: Dies eine kleine Fleissleistung aus den "Sommerferien", nur für ganz Vergiftete zum Abspeichern empfohlen, alle Anderen können die beigefügte Worddatei gleich in Papierkorb klicken. Das ganze A-Z wurde in eine möglichst übersichtliche Form gebracht, inkl. Lagerbeständen der CDs (in der rechten Kolonne vor dem Preis) zum Zeitpunkt der Drucklegung. Vielfach sind diskografische Vollständigkeit der Artisten erreicht, weltweit einmalig. Die Lieferbarkeit muss aber individuell erfragt werden, Artikel.. mit zwei Punkten dahinter sind in der Regel vergriffen oder veraltet. Auch über die jeweilige Spartenzugehörigkeit darf offen gestritten werden, dazu gibt es kein allgemein gültiges Rezept. Aber dank dieser Datei weiss die Musik-Wissenschaft auch noch im Jahre 2059 wie denn das Sortiment des 30 jährigen REC REC Shop in Zürich ausgesehen hat...

Danke & Gruss: Phil.Jur.Prof.Med.-Amateur Veit F. Stauffer, 22. Oktober 2009

Ein Ringen um Leben und Tod. Zum neuen Album von Stiller Has
Und immer wieder übertreffen Stiller Has sich selber! Himmeltraurig schön ist der waidwunde Blues des neuen Albums «So verdorbe», und nie zuvor wurde der Wortschöpfer, Schausänger und Stimmspieler Endo Anaconda von einer Band so kongenial umgarnt wie von der aktuellen Formation mit Gitarrist Schifer Schafer, Bassistin Salome Buser und Schlagzeuger Markus Fürst. In Songs um Sucht und Sehnen, Lebenslust und Todesahnung halten Stiller Has mit dem ihnen eigenen poetischen Sarkasmus der Schweiz den Spiegel vor.
«I wott meh, meh als mönschemüglech isch», ruft Anaconda dem Land zu: «I wott nech ändlech lache gseh!» Und es ist dies ein würdiger Epilog zu Mani Matters «Warum syt dir so truurig?», wie er nur ihm gelingen konnte, dem singenden Dichter Anaconda, der als gebürtiger Österreicher uns Bernern genauer aufs Maul schaut, als jeder Hiesige es vermöchte, und die Berner Gemütlichkeit misstrauisch murrend aufs Korn nimmt: «I dere Stadt isch immer Sunndigmorge oder Donnschtigabigschlussverchouf.»
Uns will er lachen sehen, er bringt uns auch dazu, selber hat er wenig zu lachen. «E Gloon, wo grännet, hänkt im Fänschterchrüz», singt Anaconda, und der traurige Clown ist er selber. Hier singt einer, der leidet am Leben, es dennoch immer wieder auskosten will und dabei immer wieder scheitert: «Vilech gits o d Liebi nid, u s blibt nume d Sehnsucht zrugg, u di hett länger, vil vil länger als jedes läbeslange Glück.» Da klingt schon der Tod an, und er huscht in «So verdorbe» als Schatten über jede Zeile, mal getarnt als Novembernebel, mal als «Chlyne Tod» – «lieber chli tot als ohni Liebi müesse läbe» –, mal ganz offen: «E letschte Schluck usem Hänkerbrunne, u d Aareschleife zieht sech zue.»
Wie viel Endo, die Persona dieser Lieder, mit dem Privatmenschen dahinter gemein hat, können wir nur erahnen. Er wirkt aber jederzeit echt und jedenfalls berührend, dieser ins Straucheln vernarrte Protagonist von «So verdorbe», der sich vornimmt, nur noch die Hälfte zu rauchen, weniger zu saufen, der gelobt: «I lache u gränne nümm zur glyche Zyt» und doch hemmungs- und schamlos genau dies tut, gleichzeitig greint und grinst. Denn wie der Tod schreit auch das Leben aus jeder Zeile, ein stetes Ringen um abgebrochene Aufbrüche ist diese Musik, um Leben und Sterben – und dieses Ringen heisst Blues. Ein Blues, der selbst das Belcanto-Pathos der zwinkernden Coverversion «Guarda che luna» durchströmt, ein Aussenseiterblues, wie er in Bern, in der Schweiz seit Chlöisu Friedli nicht mehr so erschütternd gesungen wurde.
Jedesmal, wenn man denkt: «Das ist ihr Meisterwerk!», kommt noch eines. Das begann schon 1991 mit «Der Wolf ist los», dem dadaistisch-sprachmalerischen Geniestreich, der auf Anhieb unübertrefflich schien, es führte sich fort mit «Landjäger», «Moudi» und «Walliselle» – und immer, wenn man das Gefühl hat, dies sei nun das bestmögliche Hasen-Album, kommt noch eines, aber nicht eines, das die anderen in den Schatten stellen würde, sondern ein neuer Monolith, der sich gleichberechtigt, aber unvergleichlich neben die anderen stellt. «So verdorbe» ist schon wieder ein Stiller-Has-Meilenstein. Nur grosse Künstler im Pop schaffen eine solche Laufbahn, ohne sich im ewig gleichen Erfolgsmuster zu verlieren; Stiller Has erreichen immer mehr Leute und stranden doch nie im Mainstream. Einer sang mal: «I hätt no viel blöder ta.» Stiller Has tönen an, dass weitere einmalige Meisterwerke folgen: «Merci für jede Seich, won i no nid ha gmacht.»
Diesmal ists der Sound, der, obzwar vertraut, ausgefeilter ist denn je. Scheppernd und rumpelnd gibt er sich, dabei ist jeder Ton mit Bedacht gesetzt, jedes nostalgierende Farfisa-Orgelpfeifen, jedes Banjozirpen, jedes Slidesirren ist an seinem Platz, nie ist ein Song überladen, immerzu erdig, karg und doch himmelhoch – ein untröstlicher, aber hoffnungslos schöner Blues. Es ist, als walzerte Nino Rota mit Robert Johnson. Zu verdanken ist das Schifer Schafer, dem Gitarristen und Klangmeister, dem es, wäre die Welt gerecht, nicht mehr länger gelingen dürfte zu verbergen, welch grossartiger Künstler er ist: Keiner im Land verbindet Könnerschaft und Gefühl wie er.
Ganz zuletzt drehen Stiller Has das sprichwörtliche Fernweh des Berner Rock, das von «D Rosmarie und i» bis «Bälpmoos», von «Bümpliz, Casablanca» bis «Uf u dervo» zum Topos geronnen ist, ins Gegenteil – Schauplatz Venedig, November, die Liebe erkaltet wie der Fisch auf dem Teller, und er, der Sänger, der Erzähler, will nur noch heim: «Näbel hets o z Gäbelbach.»
Bänz Friedli

RAYMOND PETTIBON kuratiert die Helsinki Jukebox!
Eröffnung am Do 29. Oktober, ab 20h im Helsinki Klub, Geroldstrasse 35, Zürich
Mit raren Platten, Filmen, Büchern, Fanzines, Drucken, Flyern, Barbetrieb, Jukebox.
Wenn mit dem kalifornischen Künstler Raymond Pettibon (nach Matthew Barney) ein weiterer “Nicht-Musiker” die Kuration der Helsinki-Jukebox übernimmt, so heisst das nicht, dass wir es mit einem unmusikalischen Menschen zu tun haben: Musik und Subkultur bestimmten gerade Pettibons frühes Werk enorm. Kein Wunder, dass seine ikonischen Plattenhüllen für Bands wie Black Flag, Sonic Youth und Minutemen Anfang der Achtzigerjahre zuerst von der Musik(er)-Szene begeistert aufgenommen wurden, ehe die Kunstkritik den 1957 in Arizona geborenen Maler und Zeichner berühmt machte. Sein älterer Bruder, Greg Ginn, war Gründer des stilbildenden Plattenlabels SST und Gitarrist bei der Punkrock-Band Black Flag, wo Pettibon anfänglich den Bass zupfte und Flyers für die Konzerte gestaltete. Das von ihm entworfene Band-Logo (die vier schwarzen Balken) ist noch immer beliebtes Tatoo-Motiv für hartgesottene Black-Flag-Fans – wenn auch die wenigsten von ihnen wissen, wer es entwarf. Mitte der Neunzigerjahre etablierte sich Pettibon zu einem der herausragendsten zeitgenössischen Künstler der USA, ohne dass seine Arbeiten an Dringlichkeit, Witz, Wahn und bissiger Poesie verloren hätten. Wichtiges Stilmittel sind noch immer die lakonischen Sätze, mit denen er seine Tuschzeichnungen kommentiert; manche lesen sich wie Schlüsselszenen amerikanischer Short Stories. Raymond Pettibon lebt und arbeitet (manisch-produktiv) in Hermosa Beach, Los Angeles. Seit 2008 singt und textet er nebenamtlich für die Lo-Fi-Folkband The Niche Makers, für die er auch eine Plattenhülle entworfen hat. Für die Jukebox des Helsinki Klub Zürich hat Pettibon nun die Musikauswahl getroffen. Unter den 50 Alben befinden sich Titel von Sun Ran, Maria Callas, Black Flag, Herb Alpert, Geto Boys und Charles Manson.
In der Vergangenheit hatten bereits Lou Reed, Yoko Ono, Sonic Youth, Veit Stauffer, The Young Gods und Matthew Barney die Musikauswahl für die Helsinki Jukebox getroffen.

Idee und Konzept: Frank Heer, Gestaltung: Adrian Elsener, Mitarbeit: Veit Stauffer (RecRec-Laden) und Tom Rist (Helsinki Klub). Grossen Dank an Christoph Schifferli, Hauser & Wirth, Regen Projects Los Angeles