die andere Musik

   
Eine Andacht mit 4 Teilen:
Zürich, 11. Januar 2010

1) Das Farbfoto des Schweizer Fotografen Oliver Gutfleisch vom LHASA-Auftritt im KKL Luzern (Juli 2005), welches auf ihrem letzten Album "Lhasa" (April 2009) als Coverbild verwendet wurde.

2) Eine Zusammenfassung von Veit F. Stauffer, Supporter seit April 1998.

3) Der beste im Netz gefundene Nachruf auf deutsch, von Stefan Franzen (Austria).

4) Das offizielle Statement der Familie auf LHASA's Website http://lhasadesela.com/, datiert auf Montreal, 3. Januar 2010.

Dear Friends,
der REC REC Laden trauert um die magische Sängerin LHASA (1972-2010). Unglaublich traurig: der Brustktrebs von LHASA, erst 37 Jahre... 21 Monate hat sie mit der Krankheit gekämpft, sie hinterlässt 9 Geschwister, 16 Nichten und Neffen, beide noch lebenden Eltern, ihre Katze und den Freund Ryan. Und Tausende "Fans All Over The World". Fragen und Gerüchte kursierten bereits seit ihrem am 8. Juni abgesagten Zürcher Konzert im Volkshaus 3. Dezember 2009. Niemand verriet genauere Details, logisch! In solchen Situationen braucht man am wenigsten gutgemeinte Ratschläge oder aufringliche Fananfragen. Ich halte nicht viel von Pathos. Beim Tod eines Idols gilt es Projektionen zu vermeiden und sich von allfälligem Selbstmitleid scharf abzugrenzen. Trotzdem wage ich die Behauptung: eine vollendete Sängerin wie LHASA wird die nächsten 25 Jahre nicht so schnell wieder auftauchen. Es müssen Vergleiche mit Grössen wie Billie Holiday, Om Kalsoum, Nina Simone, Chavela Vargas gezogen werden.
Ihr letztes Album "Lhasa" verlangt nach einer ganz neuen Leseart. Wir haben uns daran gewöhnt, poetische Texte im Songformat als reine Metapher zu verstehen. In diesen Texten finden wir zahlreiche Hinweise auf existenzielle Fragen um Leben oder Tod:

"When my lifetime had just ended
and my death had just begun
I told you i'd never leave you
But i knew this day would come"
LHASA, I'm going in, 2009

"Bells are ringing
we both know
there's nothing left to do
but walk out there and go"
LHASA, Bells, 2009

"I had a dream last night
a fish on land
gasping for breath
just laughed
and sang this song"
LHASA, Fish on land, 2009

"My prison will be broken down
the dark will come undone
a thousand and one night of this
and then the change will come"
LHASA, 1001 nights, 2009

Stefan Franzen schreibt dazu: "Reduziert ist die Besetzung mit Harfe, Pedal Steel und Piano, Country- und Gospeltöne scheinen auf, ihre Stimme wirkt unmittelbarer und zerbrechlicher denn je. Eine Reduktion, die an manchen Stellen kaum zu ertragen ist, schon auf Jenseitiges hindeutet, ähnlich wie in Nick Drakes "Pink Moon"-Album." - Dafür gibt es noch andere Beispiele: "Himmel & Hölle" (1995) von Rio Reiser, "Diary Of A Snake Charmer" (2002) von Dominique Alioth oder "Look At The Fool" (1974) von Tim Buckley.
Der Aufstieg von LHASA mit einer Million verkauften Tonträgern und ausgedehnten Konzerttouren ist ein Phänomen, auch weil es fast im Geheimen geschah und nicht im Zusammenhang mit "Dancefloor"-Remixes oder zahlreichen ausgekoppelten Singles (wie z.B. bei Jeff Buckley oder Bjoerk). Das Geheimnis dazu: LHASA war stets von hervorragenden Musiker/innen umgeben, die ihren traumwandlerischen Kompositionen bis in feinste Verästelungen zu folgen vermochten (Beispiel: der instrumentale Schlussteil von "J'Arrive a la ville", 2003). Auch dank der Präsenz ähnlich gelagerter, multikulturell ausgerichteter Namen wie Manu Chao, 17 Hippies, Pascal Comelade, Accordion Tribe, Vinicio Capossela, Iva Bittova, Ensemble Rayé, Stimmhorn oder Lula Pena. Sie passte in kein Schema, hauptsächlich durch Mundpropaganda wurde sie berühmt, kaum durch Zeitschriften wie Rolling Stone, Musik Express, Wire oder Spex.

Den ersten Schweizer Auftritt von LHASA am Paléo Festival (Juli 1998) habe ich verpasst, aber Benedeto Vigne schrieb darüber begeistert im Tages Anzeiger. Der zweite Auftritt am Samstag, 6. März 2004 fand im kleinen Genfer "Casino Theatre" statt. Kurz zuvor hatte ich den Musiker Reesli Burri kennengelernt, der auch bei einem Carunternehmen beschäftigt war. Deshalb hiess es bald in einem Rundmail des Rec Rec-Shop: "Es besteht noch eine kleine Chance für einen Auftritt in der Deutschschweiz, ansonsten organisiert der REC REC Laden zusammen mit Zugvogel Reisen und Reesli Burri am Steuer eine Carfahrt für 35-50 Personen Zürich-Genf retour zu 40.- Fr pro Person". Dazu kam es nicht, der Aufruf war zuwenig professionell organisiert. Stattdessen strapazierte ich die Nerven meiner Freundin Maria, indem ich ohne genaue Adresse zu kennen, dem armen Taxifahrer auf englisch den Auftrag gab, uns zum Auftrittsort von LHASA zu fahren. Zudem war die Reservation von Warner Brothers nicht beim Veranstalter angekommen, so dass wir unseren ganzen Zürcher Charme ausspielen mussten, um dennoch Einlass zu erhalten. Ich habe mir keine Notizen zu diesem Konzert gemacht, aber wir waren beide verzaubert. Noch zweimal kam LHASA 2004 in die Schweiz: im Juli erneut ans Paléo Festival und dann am 10. November 2004 endlich nach Zürich (Kaufleuten). Im Juli 2005 dann noch am "Blue Balls Festival" in Luzern. Beide Auftritte haben meine Zuneigung zu LHASA verstärkt.
LHASA hat uns mit ihren drei Alben eine intensive Trilogie hinterlassen, "The Living Road" (2003) bedeutet das Bindeglied zwischen "La Llorona" (1997) und "Lhasa" (2009), auch sprachlich abzulesen durch den Uebergang von Spanisch zu Englisch.
Ich empfehle eine nähere Auseinandersetzung mit "Lhasa", dem leider letzten Album (ein geplantes Tributalbum mit Liedern von Victor Jara und Violeta Parra bleibt unrealisiert, deutet aber auf ihr politisches Bewusstsein). Zum Einstieg ein Vorschlag zur ersten Single-Auskopplung:

Seite A: Love Came Here (ein genialer Slow Motion-Kracher, laut zu hören, es gibt kein ähnliches Stück von Lhasa!)
Seite B: Fool's Gold (eine bittersüsse Abschieds-Ballade an einen verflossenen Liebhaber im Americana-Stil)
"Don't keep in touch, I don't miss you much
Except sometimes early in the morning
Did you ever believe the lies that you told
did you earn the fool's gold that you gave me"
LHASA, Fool's Gold 2009

Im weiteren empfehle ich (den trostsuchenden Fans) einen Besuch auf www.lhasadesela.com
Absolut sehenswert und von übermässiger Trauer befreiend: die kurzhaarige LHASA am Ostersamstag, 11. April 2009 vor intimem Publikum in einem Privatloft von Montreal, unkonventionell gefilmt. Klickt das obere Bild rechts an und beschaut Euch diesen Auftritt in sieben Teilen. So möchte ich LHASA in Erinnerung behalten: Nicht nur faszinierte mich schon immer ihr schelmisches Lächeln, beim verpatzten Anfang von Track 3 "Love Came Here" bekommt die Sängerin, die wir nicht vergessen werden, einen sagenhaften Lachanfall...

Dies für heute, Herzliche Grüsse & trotzdem alles Gute für 2010, Veit

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Am Neujahrstag ist die Sängerin Lhasa de Sela gestorben - ein Nachruf von Stefan Franzen.
Aus dem tiefen Winter von Montréal kam vor wenigen Tagen zur Eröffnung des Jahrzehnts eine traurige Botschaft: Am Neujahrstag ist die US-mexikanische Singer/Songwriterin Lhasa de Sela nach zweijährigem Kampf gegen den Brustkrebs mit 37 Jahren gestorben. "La Route Se Tait", "über die Straße legt sich Schweigen", titelt eine französische Fanpage ihren Nachruf und zitiert dabei aus einem ihrer Songs. Denn tatsächlich war für Lhasa Zentrum ihres Lebens immer die Straße. "Wenn man aufwächst wie ich, dann empfindet man das Leben als Abenteuer mit einem Duft von Magie und Mysterium", sagte sie.
1972 wird sie als Tochter eines mexikanischen Schriftstellers und einer amerikanischen Schauspielerin geboren. Die gesamte Kindheit verbringt sie in einem Wohnmobil, pendelnd zwischen Mexiko und den USA. Ein Leben ohne Fernsehen, ohne kurzlebige Musikmoden, dafür aber mit umso mehr Büchern vom Vater und den traurig-zeitlosen Lieblingssongs der Mutter. In San Francisco tritt sie erstmals in einem kleinen griechischen Café als Sängerin auf. Die Passion hat sie seitdem nicht mehr losgelassen: "Wenn ich singe, kann ich alle Gefühle ausdrücken, die ich mit Worten nicht transportieren kann. Alle Traurigkeit, alle Melancholie und alle Wut." Ihren Vorbildern gemeinsam ist kompromisslose, schmerzliche Intensität: Billie Holiday, die Callas, Björk, die große alte Dame des mexikanischen Liedes Chavela Vargas, aus dem Chanson ein Jacques Brel. Ihr dunkles Timbre ist unter Tausenden wiederzuerkennen: "Lhasa singt, als hätte sie drei Jahre lang geheult, nun aber beschlossen es nie mehr zu tun", schrieb ein Journalist einmal treffend.
Durch ihre drei Schwestern, die für den weltbekannten Cirque Du Soleil arbeiten, gelangt Lhasa 1991 schließlich nach Montréal. Eine glückliche Fügung: Denn in der franko-kanadischen Metropole lernt sie den Rockgitarristen Yves Desrosiers kennen, er kann sich auf die ungestüme, wilde Leidenschaft ihrer Stimme einlassen. Sie schreiben Songjuwelen, die von aztekischen Volksmythen, expressiven Naturbildern und besessener Liebesnostalgie künden. 1997 veröffentlichen sie das Debüt "La Llorona" - ein bittersüßes, melancholisches und sehnsüchtiges Werk, die Seele Mexikos, die Fußspuren von Tom Waits, der feurige Atem des Balkans, Cabaret- und Zirkus-Flair schillert darin. Dazu schreibt Lhasa Bohème-Poesie, die aus den Erfahrungen eines unsteten Lebens geboren wurde: Roadmovies für die Ohren. Trotz großen Erfolges, vor allem in Frankreich, wo sie ein Star wird, plant die Nomadin keine Fortsetzung der Plattenkarriere. Lieber tingelt sie mit ihren Schwestern umher, lässt in Marseille die Seele baumeln. Sieben Jahre später erst bündelt sie ihr Vagabundentum erneut zu Musik, "The Living Road" heißt der atemberaubende Songzyklus. Er beherbergt Liebesgedichte von elementarer Sinnlichkeit, verletzliche Walzer, träumerische Balladen zwischen Latin und Chanson, skurrilen Blues. Eine wehmütige Balkan-Trompete siedelt neben Slide-Gitarren, romantische Cello-Linien neben wuchtiger Perkussion. Und mittendrin stets diese dunkle Stimme, die mal wie eine offene Wunde klagt, dann wieder wie eine heilsame Tinktur ins Ohr sickert, auf Spanisch, Französisch und Englisch. Eher unfreiwillig wird sie ein Weltmusik-Star, ihre Songs tauchen in Science Fiction-Streifen auf, sie gewinnt den BBC World Music Award, kollaboriert mit Stuart Staples von den Tindersticks und mit Arthur H.
Vor zwei Jahren schleicht sich die Krankheit in ihr rastloses Leben. Ihre letzte Scheibe, schlicht "Lhasa" betitelt, erzählt von einem Reich zwischen Vision und Verzweiflung. Reduziert ist die Besetzung mit Harfe, Pedal Steel und Piano, Country- und Gospeltöne scheinen auf, ihre Stimme wirkt unmittelbarer und zerbrechlicher denn je. Eine Reduktion, die an manchen Stellen kaum zu ertragen ist, schon auf Jenseitiges hindeutet, ähnlich wie in Nick Drakes "Pink Moon"-Album. Mit dem Tod hat sie sich auch immer wieder in ihren Texten auseinandergesetzt, und so soll Lhasa, die am 01.01.2010 ins Herz der Welt getragen wurde, auch selbst das Schlusswort haben:

"Bald wird dieser Raum zu klein sein
ich werde nach draußen gehen zu den großen Hügeln,
wo der wilde Wind bläst und die kalten Sterne scheinen.
Ich werde meinen Fuß auf die lebendige Straße setzen
und werde von hier zum Herzen der Welt getragen werden."

**********Official Statement from LHASA's Website*************************:
The singer Lhasa de Sela passed away in her Montreal home on the night of January 1st 2010, just before midnight. She succumbed to breast cancer after a twenty-one month long struggle, which she faced with courage and determination. Throughout this difficult period, she continued to touch the lives of those around her with her characteristic grace, beauty and humor. The strength of her will carried her once again into the recording studio, where she completed her latest album, followed by successful record launches in Montreal at the Théatre Corona and in Paris at the Théatre des Bouffes du Nord. Two concerts in Iceland in May were to be her last. She was forced to cancel a long international tour scheduled for autumn 2009. A projected album of the songs of Victor Jara and Violeta Parra would also remain unrealized.
Lhasa de Sela was born on September 27, 1972, in Big Indian, New York. Lhasa's unusual childhood was marked by long periods of nomadic wandering through Mexico and the U.S., with her parents and sisters in the school bus which was their home. During this period the children improvised, both theatrically and musically, performing for their parents on a nightly basis. Lhasa grew up in a world imbued with artistic discovery, far from conventional culture.
Later Lhasa became the exceptional artist that the entire world discovered in 1997 with La Llorona, followed by 2003's The Living Road, and 2009's self-titled LHASA. These three albums have sold over a million copies world-wide. It is difficult to describe her unique voice and stage presence, which earned her iconic status in many countries throughout the world, but some Journalists have described it as passionate, sensual, untameable, tender, profound, troubling, enchanting, hypnotic, hushed, powerful, intense, a voice for all time. Lhasa had a unique way of communicating with her public. She dared to open her heart on stage, allowing her audience to experience an intimate connection and communion with her. She profoundly affected and inspired many people throughout the cities and countries she visited.
An old friend of Lhasa's, Jules Beckman, offered these words:
"We have always heard something ancestral coming through her. She has always spoken from the threshold between the worlds, outside of time.She has always sung of human tragedy and triumph, estrangement and seeking with a Witness's wisdom. She has placed her life at the feet of the Unseen."

Lhasa leaves behind her partner Ryan, her parents Alejandro and Alexandra, her step-mother Marybeth, her 9 brothers and sisters (Gabriela, Samantha, Ayin, Sky, Miriam, Alex, Ben, Mischa and Eden), her 16 nieces and nephews, her cat Isaan, and countless friends, musicians, and colleagues who have accompanied her throughout her career, not to mention her innumerable admirers throughout the world.
Her family and close friends were able to mourn peacefully during the last two days, and greatly appreciated this meaningful period of quiet intimacy. Funeral and services will be held privately.
It has snowed more than 40 hours in Montreal since Lhasa's departure.

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Haikus für die Schwäne:
"wie alles verstummt
taumelnd in allem treibend
träumend fällt der schnee"

SVEN SAUTER, 2009 aus seinem faszinierenden Buch "Tiere in Homöopathie und Schamanismus" (Edition Lohmühle, Berlin)