die andere Musik

   
Ein offener Brief an Bundesrat Leuenberger per A-Post
Zürich, 28. Juni 2010

Nichts hat mich in meiner Tätigkeit im Musikfachhandel seit 1979 mehr deprimiert, als der schleichende "Niedergang der Schweizer Post", spätestens seit den massiven Preiserhöhungen und der Aufteilung in verschiedene Sparten. Eins Vorneweg: die besten Erfahrungen machte ich mit der A-Post innerhalb der Schweiz. Noch nie hat einer meiner Kunden behauptet, eine verschickte CD nicht erhalten zu haben. (Andere Leute hatten dieses Glück nicht, so sind laut dem Magazin Saldo selbst Einladungen zu Beerdigungen verspätet zugestellt worden.) - Anders sieht es aber mit dem mieserablen Service der B-Post aus: unter dem Deckmantel "Massensendung" (sogenannte B2-Post) werden regelmässig massiv verspätete Lieferzeiten von 8-15 Arbeitstagen geboten. Wenn B-Post wie versprochen 2-5 dauern würde, wäre das akzeptabel. Warum wurde aber für Grossfirmen wie Krankenkassen, Postfinance und Kreditkarten die sogenannte B2 - Post eingeführt? Der Absender zahlt dann nur noch ca. 50 Rappen, aber 8-15 Arbeitstage sind keine Seltenheit und zudem ist der Verlauf mangels Datumstempel nicht mehr seriös nachvollziehbar. Dieser Bereich wird viel zu wenig kontrolliert, weil ja auch im Gegensatz zum früheren "Drucksachen"-Angebot kein Stempel mehr auf die Kuverts gedrückt wird. Ich habe diesbezüglich eigene "Kontrollen" mit Nachforschungen durchgeführt und bin dabei auf haarsträubende Vorfälle gestossen, namentlich bei der Postfinance (siehe weiter unten!).

Für die folgenden kritischen Recherchen habe ich in den letzten fünf Jahren eine ganze Arbeitswoche investiert. Ich habe dabei mit rund 25 Mitarbeiter/innen der Post bzw. Postfinance gesprochen, von der Schalterbeamtin bis zum obersten Kader. Auffallend war die Tendenz, ein beanstandetes Problem an die nächste Abteilung abzuschieben. Bis auf ganz wenige Ausnahmen fand ich beim geschulten Personal weder Verantwortungsgefühl noch soziale Kompetenz. Da ich bei meinen vorgebrachten Reklamationen immer wieder anderes Personal mit denselben Vorwürfen konfrontiert habe, konnte ich dabei frappierende Unterschiede in der Beantwortung meiner Fragen feststellen.

Um im Tonträgermarkt als Einzelfirma zu überleben, haben sich seit 2005 aufgrund zunehmender Exporte meine Umsätze bei der Schweizer Post auf jährlich 7'500.- Fr verdoppelt. Grosshändler brauchen ihre Pakettarife von 20.- bis 50.- Fr bloss um die 6.- Fr Einschreibegebühr zu ergänzen. Wenn ein Detailhändler aber 1000 Einzel-CDs verschickt, kommt das bei 108 Gramm Gewicht auf 4'500.- Fr B-Post oder 6'500.- Fr A-Post. Würde ich all diese Kuverts noch versichern wollen, kämen nochmals 6'000.- Fr dazu. Unbezahlbar. So wird aber jeder Export für meine kleine Firma zur Zitterpartie. Vergeblich habe ich bei der Post um jährlich 2% Kulanz (150.- Fr) gebettelt, denn es wird immer nur der Einzelfall betrachtet: "Sie hätten halt die Ware einschreiben müssen" wird mir in scheinheiliger Naivität deutlich genug kundgetan.

Dazu zwei konkrete Vorfälle auf dem Gebiet der eingeschriebenen Pakete : Um auf Ebay keine negativen Feedbacks zu riskieren, habe ich zu Beginn meiner Export-Offensive sämtliche Pakete per Einschreiben verschickt. Eine LP nach Frankreich A-Post (13.- Fr + 6.- Fr) war nach 3 Wochen immer noch nicht beim Empfänger eingetroffen. Während dieser Kunde natürlich vermutete, dass die Ware nie abgeschickt wurde (schwarze Schafe sind bei Ebay durchaus vorhanden und gefürchtet), wurde mein Erstaunen über die Schweizer Post immer grösser. Erstens kann der Aufenthaltsort des Paketes nur bis zur CH-Grenze verfolgt werden, zweitens dauert eine "Nachforschung" 4-8 Wochen, und dies im Zeitalter von E-Mail und SMS! Den Betrag von 50.-Fr bekam ich zwar nach 2 Monaten ersetzt, in der Zwischenzeit hatte mich aber der Käufer zurecht negativ bewertet, und wo genau das Paket in Frankreich verschollen ist, habe ich nie erfahren... Gravierender war das Verschwinden eines 1,8 kg Paketes nach New York mit 104.- Fr Porto per Airmail eingeschrieben. Mit dem befreundeten Empfänger war ich in ständigem E-Mail Kontakt. Das Paket befand sich 8 lange Wochen ausserhalb des Radarschirms, niemand wusste etwas über den Verbleib, trotz Tracking-Nummer. Obwohl der Empfänger beteuerte, nie einen Abholzettel erhalten zu haben, wurde das Paket zu unserem grossen Ärger B-Post zurückgesandt...
Soviel zum Thema "Sicherheit bei Einschreiben".

Übertroffen wurden diese Erlebnisse jedoch 2007 von der der Postfinance in Bern. Ohne die Kundschaft darüber zu informieren, wurden die zur Verfügung gestellten Postkuverts (mit einem Code versehen) automatisch auf B-Post umgestellt. Im Frühling 2007 befand sich mein monatlicher Zahlungsauftrag mit rund 35 Rechnungen für 10-15 Arbeitstage in der Umlaufbahn. Ich machte einen Riesenwirbel und kam telefonisch mit einem Kadermitglied der Postfinance in Kontakt. Ich beschrieb ihm meine negativen Erfahrungen mit B-Post und beurteilte die Abwesenheit von A-Post im Zahlungsverkehr als völlig unprofessionell. Er gab mir den "goldenen Tipp", doch eine 15 Rappen-Marke auf das Kuvert zu kleben. Das Resultat: Im November 2007 befand sich erneut ein Kuvert in der Umlaufbahn. Zähneknirschend bezahlte mir die Postfinance den Ausfall von 2% Skonto (190.- Fr) und musste zugeben, dass der gedruckte Strichcode automatisch B-Post befördert, weil die Maschine das Kuvert nicht anders lesen kann. Seit 3 Jahren nun decke ich den Strichcode eigenhändig ab und klebe eine A-Post Marke drauf. Selbst das klappt nicht immer. Postfinance weigert sich hartnäckig, auf meine berechtigte Reklamation einzugehen. Mein Vorwurf, die Kunden werden damit zum Online-Banking gezwungen, wird kategorisch in Abrede gestellt. Es wäre für mich kein Problem, auf Online-Banking umzustellen, aber erstens arbeite ich schon täglich mehrheitlich am Bildschirm, und zweitens wer denkt dabei an die alten Leute ohne Computer?

Weitere Kritikpunkte:
- der einzige Briefkasten der Stadt mit Leerung bis 20 Uhr befindet sich bei der Sihlpost, seit Jahren besiedelt mit dem dichtesten Fussgängerverkehr der Stadt auf schmalem Trottoir umgeben von Baustellen... nervtötend für Personen die mehrmals pro Woche diesen Ort frequentieren müssen... kein Schild weist darauf hin, dass der Briefkastendeckel nach 2-3 Einwürfen schnell zugemacht werden muss, damit die Briefe "hinunterfallen"... somit ist der Briefkasten auch noch regelmässig verstopft und kann nicht mehr geöffnet werden....
- es wäre operativ absolut kein Problem für die Post, in der Stadt Zürich 10 Briefkästen verteilt auf wichtige Plätze bis 20 Uhr zu leeren... es ist doch ein Armutszeugnis wenn jemand in Oerlikon um 17h20 feststellen muss, mit einem A-Post Brief in die Innenstadt reisen zu müssen...
- wann wird am Schalter endlich respektiert, dass ich nicht mit "Werbung" belästigt werden möchte? warum beschränkt sich die Post nicht auf das Kerngeschäft, dies aber richtig?
- die anderen Kurierdienste wie Tnt, Dpd oder Dhl sind keine Alternative und werden mir höchstens von gewissen Lieferanten aufgezwungen, speziell im internationalen Shipping. Die negativen Erlebnisse befinden sich auf demselben Level wie mit der Schweizer Post...
- die Ironie der Geschichte: während dem Verfassen dieses Briefes wurden an der Strasse meines Wohn - wie Arbeitsortes zwei gelbe Briefkästen abgeschraubt .
- der Begriff "hier geht die Post ab" soll bitte aus dem Wortschatz der Bewohner unseres Landes gestrichen werden, solange der Mangel dermassen eklatant ist ..

Fazit: Der "Service Public" der Schweizer Post muss nun radikal wieder hergestellt werden und die verantwortlichen Kaderstellen sollen zu den hier aufgeführten Vorwürfen konkret Stellung beziehen .. Die Post gehörte einst zu den positivsten Aushängeschildern der Schweiz und in der Schweiz. Eigentlich ist auch die Politik gefordert...
- Siehe auch die aktuelle Initiative, welche die Post zu besserem Publicservice verpflichten soll: www.postinitiative.ch

PS. Eine CD in Blechdose in die Tschechei war 2 mm zu dick, zu den 3.50 Fr Porto hätte ich 9.- Fr Briefmarken aufkleben und nachzahlen müssen. Ich verweigerte dies und schrieb auf die Karte: "Habe letzte Woche Ihrem Paketboten 10.- Fr Trinkgeld gegegeben, für seine geleisteten Dienste"...Ich habe auf dieses Argument zum Glück nichts mehr gehört....

Veit F. Stauffer, Zürich

REC REC Laden & Postversand
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