die andere Musik

   
Dear Friends !
Zürich, 31. August 2010

"Wer nur etwas von Musik versteht, versteht auch davon nichts. HANNS EISLER
Dieser Merksatz stand schon in der Gründungszeit von REC REC Zürich auf den ersten gedruckten Katalogen. Und hat sich dieses Jahr nochmals bewahrheitet, nach meinem Rundmail über die Schweizer Post. Auf Euch ist Verlass: Rund 150 persönliche Feedbacks erhalten zu einem brisanten Thema, welches dem ganzen Volk unter den Nägeln brennt... Unterschreibt die Initiative hier www.postinitiative.ch , die Bögen werden auch im Laden aufliegen, Ablauf ist im Mai 2011... Mein persönliches Fazit und meine weiteren Erfahrungen mit dem gelben Riesen werde ich zu einem späteren Zeitpunkt mitteilen, auf jeden Fall bereue ich meine detektivischen Untersuchungen ganz bestimmt nicht. Auch auf die Veröffentlichung des Artikels im Tages Anzeiger vom 29. Juli zum Thema, mit einer passenden Karikatur, kamen total 123 Feedbacks, siehe http://www.tagesanzeiger.ch/wirtschaft/unternehmen-und-konjunktur/Wenn-die-APost-nach-drei-Wochen-immer-noch-nicht-angekommen-ist-/story/26530143
Nun aber decke ich Euch ein mit ein paar CD-Tipps, um die Geschäfte nach der "Sommer-Flaute" wieder ein wenig anzukurbeln... Nicht alles ist brandaktuell, aber das war bei Rec Rec noch nie das einzige Kriterium. Die Abbildungen wurden diesmal aufgrund der Anzahl etwas kleiner gewählt. Ich hoffe Euch persönlich - oder allfällige Bestellungen per Email oder über den Webshop - in hellen Scharen demnächst begrüssen zu dürfen.
Ganz am Schluss gibt es eine Bonusbesprechung von Diana Zucca, zur aktuellen Scheibe von C. GIBBS. Mit jedem Album hier vertreten war bisher DIE REGIERUNG aus dem Toggenburg, so ist natürlich auch die aktuelle CD-Single mit VERA KAA zu 12.- Fr an Lager! Die neuste GRINDERMAN erscheint am 10. Sept und kann bereits vorbestellt werden.

Herzliche Grüsse, Veit F. Stauffer
30. August 2010

LAURIE ANDERSON "Homeland" CD & DVD (38.-) LAURIE ANDERSON ist Blickfang auf dem Cover als "Charlie Chaplin", in Anspielung auf ihr Alter Ego FENWAY BERGAMOT, präsent auf Tr. 7 "Another Day in America". Eine Spur esoterischer ist diesmal der Aufritt der Pionierin, eine Prise "nordische Weltmusik" im Stile von Mari Boine meine ich herauszuhören. Das letzte Studioalbum "Life On A String" (2001) liegt bereits neun Jahre zurück. Die beteiligten Musiker sind wieder akkurat ausgewählt: der Schweizer Keyboarder PETER SCHERER, ex-TIN HAT TRIO-Akkordeonist ROB BURGER, das neue Gesangswunder ANTONY, der famose Bratschist EYVIND KANG, Bassist SKULI SVERRISSON, Drummer JOEY BARON u.a. Saxer JOHN ZORN treibt das ganze nicht etwa in Richtung Naked City, sein subtiler Beitrag erinnert schon eher an die Art, wie bereits SCOTT WALKER 1984 den Saxer EVAN PARKER zweimal in den Soundteppich einwebte. Sehenswert auch die beigelegte DVD zur Entstehung des Albums, mit für einmal bemerkenswerten Statements von Gatte LOU REED, der das Album produzierte. PS. Das Album ist weder auf Vinyl noch seperat als CD ohne DVD lieferbar. (Uebrigens: ein sympathischer Stammkunde, der mir 2009 seine ganze Plattensammlung verkaufte, inkl. eine signierte ROLAND KIRK LP von 1964 - sucht die alten vergriffenen Videos von LAURIE ANDERSON auf DVD, kann jemand von Euch helfen?)


BEAT CIRCUS "Boy From Black Mountain (32.-) Ein Juwel auf dem Label Cuneiform, vermittelt von CEDRIC VUILLE. Seit ein paar Jahren gibt es diese amerikanischen Bands, die Osteuropäische Wurzeln mit progressivem Rock verbinden. Nach PALE NUDES, BEIRUT, HAWK & THE HAWKSAW und ALEC REDFEARN kommt jetzt noch BEAT CIRCUS, ein 8-köpfiges Ensemble (inkl. zwei Frauen) rund um Mastermind BRIAN CARPENTER. Das Resultat auf dem dritten Album erinnert auch an den intelligenten Pop der holländischen Szene um THE NITS, mit einem Schuss VAN DYKE PARKS sowie CIRCUS MC GURKUS (aus Zürich). In den Staaten ist BEAT CIRCUS mit Bands wie WOVENHAND und ALEC REDFEARN aufgetreten. http://www.beatcircus.net /

BLACK KEYS "Brothers" (32.-) Nach dem Soloalbum von DAN AUERBACH und ihrem grossartigen RAP-Album "Blakroc" wurde für das famose Duo BLACK KEYS mit dem sechsten Album im REC REC-Shop nun auch ein Fach eröffnet. Das ist explosiver, elektrisierender Blues-Rock der Jahresmarke 2010. An der Schnittstelle von JON SPENCER und den frühen FLEETWOOD MAC mit Peter Green. Mixed by TCHAD BLAKE (Los Lobos, Latin Playboys) - und der LATIN PLAYBOYS-Einfluss ist durchaus spürbar und erkennbar. Coole Band, smooth und elegant!
ROBERT COYNE "Woodland Conspiracy" (32.-) Sehr schön entspannter Zweitling von ROBERT COYNE (*1969), dem Sohn von Kevin. Das Debut klang verblüffend nach dem famosen Sturm & Drang-Album "Politicz" (1982) von KEVIN COYNE, das neue Album orientiert sich eher an Nick Drake und John Martyn...und fesselt trotz instrumentaler Kargheit durch seine einzigartige Stimme.

DEAD BROTHERS "5th Sin Phonie" (32.-, auch LP zu 28.-) Das fünfte Album der DEAD BROTHERS, das erste ohne PIERRE OMER (der inzwischen souverän auf Solopfaden wandelt), dafür mit der Berner Verstärkung BALTS NILL (Mitbegründer STILLER HAS) sowie RESLI BURRI. "5th Sin Phonie" zeigt die Band um den charismatischen Leader ALAIN CROUBALIAN in alter Frische mit neuen Ideen. Keine andere Schweizer Band spielt so souverän mit den Einflüssen von TOM WAITS, CALEXICO, BRECHT / WEILL sowie mit dem Sortiment des TRIKONT-Labels: eine traumwandlerische Melange aus Räuberballaden, Country & Western, griechisch Rembetika etc. Neckisch hier auch umgearbeitete Punksongs von BAUHAUS und UNDERTONES. Die Stimmung ist ernst, getragen - aber auch mit augenzwinkerndem Charme, der natürlich speziell bei Konzerten ausgezeichnet funktioniert. PS. Besonderer Hinweis auf das verblüffende Mundartlied "Langenthal" des vielsprachigen Troubadours Alain, der den Röschtigraben schon längst vom Westen her aufgerollt hat...

SANDY DILLON & SISTERS EUCLID: " 96 Tears " (32.-) Praktisch alle ihre früheren Alben sind vergriffen, das Label Tradition & Moderne aus Bremen gibt ihr die nächste Chance. Manche Leute halten diese Stimme vermutlich für "zu verlebt": es klingt wie eine hybride Mischung aus Janis Joplin (70er), Lydia Lunch (80er) und Lucinda Williams (90er)... Dennoch verblüfft dieses Album - gleichermassen verstörend wie brilliant - mit sorgsam ausgewählten Coverversionen: "Dead Flowers" (Rolling Stones), "This is the Day" (Beefheart, 1974), "How Many More Years" (Chester Burnett), "Sweet Nothing" (Velvet Underground, 1970), "Move Over" (Janis Joplin), "Cars Hiss by my Window" (Doors) und "Dust Pneumonia Blues" (Woodie Guthrie) u.a.

KAREN ELSON "Ghost Who Walks" (32.-) Cooles Debut der Frau von JACK WHITE, eine stimmungsvolle Mischung aus NANCY SINATRA und HOLLY GOLIGHTLY , erfreut sich hier bereits hoher Beliebtheit...

BRIGITTA FISCHER "Past" (CD-R) 25.- Ltd. Exzellente Homerecordings, die gesanglich fesseln, obwohl nie zur Veröffentlichung gedacht. Der bestgehütetste musikalische Geheimtipp der Schweiz: die 54jährige Kinesieologin und Allrounderin BRIGITTA FISCHER gibt nach einer Kassette (1987) und einer Vinyl-7" (1992) erstmals eine CD heraus. Neun Stücke zwischen 1993-2003, in einer nummerierten Ltd-Edition von 50 Stück. Darunter sind atemberaubende Soundperlen in höchster Präzision, mit einer selbstbewusst sinnlichen Stimme, die jedes einzelne Wort auf englisch oder hochdeutsch eindringlich betont. Das Songwriter-Genre wird mit einer fortgeschrittenen Sampling-Technik erweitert, die durchaus Assoziationen an LAURIE ANDERSON wachrufen darf. Als besonderer Leckerbissen werden noch zwei Songs aus ihrem LEONARD COHEN - Tributabend dargeboten: "Winter Lady" und "Famous Blue Raincoat". www.fischerin.ch/

CHARLOTTE GAINSBOURG "Irm" (32.-) Nach dem etwas zaghaften Debut gefällt mir das zweite Album "Irm" von CHARLOTTE GAINSBOURG um einiges besser, speziell die beiden Ohrwürmer "Le Chat Du Café Des Artistes" (Tr.3) und "Heaven Can Wait" (Tr.5). Anteil datran hat bestimmt auch "Fluxus-Enkel" BECK HANSEN, mit einer vielfältigen, souverän innovativen Produktion (ähnlich wie GONZALES 2006das Album "Fictions" von JANE BIRKIN veredelte). Ein sehr modernes Soundgewand mit neckischen Zitaten des Trip Hop, Drum'n'Bass und Nouveau Chanson. Grossartig auch die String Arrangements bei Tr. 7 "Vanties", die Nick Drake-Zerbrechlichkeit heraufbeschwören... Charmant wie die Sängerin zum Schluss auf "La Collectionneuse" den Dichter APOLLINAIRE zitiert, dem einzigen Stück in dem sie selbst Piano spielt. Diese CD kommt zu Hause direkt neben die zwei ersten Alben von FRANCOIZ BREUT.

ROWLAND S. HOWARD "Pop Crimes" (32.-) Unvergessen bleiben fünf Auftritte von BIRTHDAY PARTY während meiner Londoner Aufenthalte 1982-83. NICK CAVE stand im Zentrum des Interesses. Erst 1987 wurde mir klar, wie hoch der kompositorische Anteil war von ROWLAND bei den Birthday Party. Damals erschien das grossartige Debutalbum seiner Nachfolgeband THESE IMMORTAL SOULS. Die charakteristisch näselnde Stimme ist Geschmackssache: Mir gefällt sie ausserordentlich. Aber was ihn eindeutig über die Masse erhebt, ist die starke, elektrisierende und melodiöse Gitarre... mit sehr viel zeitlichem Abstand ist die Aussage erlaubt: "der Jimi Hendrix des Punk". Magisch! Dies ist sein Abschiedsalbum, der Australier ist inzwischen gegen den Himmel gezogen. Demnächst erscheint ein Film über sein Leben, der Trailer dazu hier: http://www.youtube.com/watch?v=onay3kOadoI

TOM JONES "Praise & Blame" (32.-) Cooles Album des alternden Womanizers TOM JONES, produziert von ETHAN JOHNS (Kings Of Leon etc.). Bei "Lord Help" fragte ein Kunde : "Ist das die neue Grinderman?" Von diesen zupackenden Rockern ist eine handvoll auf dem Album vertreten. Bei den fünf Balladen erreicht er manchmal durchaus die Magie von Johnny Cash oder Scott Walker, wobei das Album doch eher zum Schmunzeln verleitet...
JÜRG MARTI "Zwüsched Örliken und Rägesdorf (CD-R, 25.- Fr) Ein sympathisches Album aus ZürichNord-West, in reiner Mundart vorgetragen, wurde bisher einzig auf Radio Lora vorgestellt. Unter dem Einfluss von JOHNNY CASH griff der gesellschaftliche Aussenseiter JÜRG MARTI (nach ein paar Schicksalsschlägen) zur Gitarre und kreierte 13 Sumpf - und Stilblüten, sozusagen eine Proloversion von Blues-Max, mit handbemaltem Booklet in Farbe. Jürg Marti hat exklusiv den REC REC Shop zur Verkaufsstelle gewählt, das Album ist nirgendwo im Internet anhörbar.

RADAR FAVOURITES "Radar Favourtites" (32.-) Das Bindeglied zwischen HENRY COW und THIS HEAT, erstmals veröffentlichte Aufnahmen dieser Gruppe von 1974, mit einem Cover des damaligen Hawkwind-Grafikers Barney Bubbles, sozusagen ein "Lost Album" - welches mich sehr begeistert! Für Fans von Matching Mole, Hatfield & The North, Gong, Henry Cow... GEOFF LEIGH (saxes, flute, oboe) mit Partnerin CATHY WILLIAMS (keyb, voc - später bei RED BALUNE), plus Drummer CHARLES HAYWARD, Gitarrist GERRY FITZ-GERALD (1976 mit Frith, Bailey und Reichel auf "Guitar Solos 2") plus Bassist JACK MONK (Delivery).

REITSCHULE BEATET MEHR / Various Artists (32.-) Sämtliche Einnahmen werden direkt der Reitschule gestiftet, der REC REC Shop schickt (in guter alter Tradition) 12.- Fr pro verkaufter CD nach Bern. Nein, nicht ins Bundeshaus, an die Reitschule! - Eine wunderbare Spielwiese für die Satire sowie das politische Engagement bietet dieser Benefiz-Sampler zur Volksabstimmung vom 26.9.2010, feat. PEDRO LENZ, STEFF LA CHEFFE, REVOLTING ALLSCHWIL POSSE, REVEREND BEAT MAN, FILEWILE, KUTTI MC, SOPHIE HUNGER, STILLER HAS, ZÜRI WEST, PATENT OCHSNER usw. Schade wurden die Line-Ups der Bands nicht aufgelistet und es gibt mindestens drei grosse Abwesende: TONIGHT & ONLY, PSYCHOTRON und HERPES O DELUXE...

AMPARO SANCHEZ "Tuscon-Habana" (32.-) Wieder einmal ein schönes, kraftvoll spanisch gesungenes (Rock-) Album. Das Solodebut von AMPARO SANCHEZ, der Sängerin von AMPARANOIA : sie spielte kürzlich im El Lokal sowie am Theaterspektakel. Produziert vom CALEXICO-Duo Joey Burns & John Convertino, sorgfältig aufgenommen zwischen Okt 2007 - Mai 2009. Weder pathetisch noch affektiert, die Stimmungslagen von Fado und Flamenco durchstreifend, reizvolles Booklet mit allen Texten auch auf englisch übersetzt.

ANNETTE SCHMUCKI "Grammont Portrait" (32.-) Endlich liegt die erste CD vor der jungen Schweizer Komponistin ANNETTE SCHMUCKI (*1968). Vier Werke von 2003-05. Am besten gefallen mir die beiden Stücke für das ENSEMBLE ASCOLTA (Stuttgart), nämlich "arbeiten/verlieren, die wörter" (13 Min) und "arbeiten/verlieren, die stimmen" (18 Min). Dazu gibt es "fünfstimmig hüpfende" (12 Min) mit EVA NIEVERGELT, Stimme, sowie "und durch. figuren. unter ruhe/punkten" (5 Min) für Trommel solo, interpretiert von ihrem engagierten Lebenspartner CHRISTOPH BRUNNER. Dreisprachiges Booklet mit vielen Fotos.

TAMIKREST "Adagh" (32.-) Nach TINARIWEN und TERAKAFT eine dritte Band im "Wüstenrock"-Genre, mit dem für westeuropäische Ohren bisher zugänglichsten Resultat. Produziert in Mali von Chris Eckman (ex-Walkabouts). Stimmungsvoll, euphorisierend, melodiös - mit kraftvollen Gruppengesängen. Eine einmalige Mischung : erinnert an die Entdeckung von MAHMOUD AHMED (Crammed Disc, 1986) oder auch an die phantastische (leider vergriffene) Fusion der Genfer MANIACS (feat. ALAIN CROUBALIAN von DEAD BROTHERS) mit SHARKIAT aus Marokko auf "Don't Climb The Pyramids" (Barraka, 1998).

TIMBER TIMBRE "Timber Timbre" (32.-) Ein phänomenales Album, ein Hauptereignis der Saison, welches zu unzähligen Assoziationen Anlass gibt und in der Melancholie angenehm kühlend wirkt. Es gibt Legionen von Singer/Songwritern seit dem Wiederaufkommen der Welle um 1995, aber TIMBER TIMBRE sticht eindeutig als Meilenstein heraus. Bereits wurden Vergleiche gezogen zu LAMBCHOP, 16 HORSEPOWER, SCOTT WALKER, JULIAN COPE, TIM BUCKLEY, ANTONY, JOE HENRY... Sieben Stücke, dazu gehört ein Intro und der Abspann. Die mittleren fünf Stücke sind ein Ereignis. 2. "Lay Down In The Tall Grass": Ein wunderbar wippender Slow-Motion Twist, die Worte klar intoniert mit überraschenden Schlenkern in der Stimme, wie sie bereits ELVIS PRESLEY draufhatte (überhaupt besitzt die Stimme des 28jährigen Kanadiers TAYLOR KIRK eine eindeutig erotische Komponente), begleitet von einer herzhaft antiquiert klingenden Orgel. 3. "Until The Night Is Over": Langsam heranschleichend, orientalisch klingend, unglaublich melodiös. Die erste Zeile von "House Of The Rising Sun" der ANIMALS (mit Eric Burdon) wird zitiert. Das ist hymnische Schönheit und trotzdem "Down To Earth".... 4. "Magic Arrow": Klingt der abstrakte Bass zu Beginn nicht haargenau nach YOUNG MARBLE GIANTS? Dieses einzigartige Album "Collosal Youth" von 1980, welches bis heute in keine Schublade versorgt werden konnte. Dasselbe Stück hat den Zürcher Musiker & Soundmixer STEPHEN THOMAS gar an ALAN VEGA erinnert, als dies ein DJ abspielte und er sofort aufhorchte. 5. "We'll Find Out": ist einfach ein köstliches Stück Schmalz, mit Geigen, Sprechgesang und Chörli. 6. "I Get Low": Wieder diese exotisch klingende Orgel, E-Piano, Stehbass - ein ruhiger Puls geht durch das ganze Stück, und zum Schluss erklingen auf dem Keyboard geniale "Flötentöne". 7. "Trouble Comes Knocking": Achtung: Kriminaltango! Zelebriert wird eine bedrohliche Unwetter-Stimmung, das klingt wie ein unheilvoll anschwirrender Bienenschwarm (und erinnert an das halb vergessene Intro von "Magicke Noci" des Debuts der tschechischen Undergroundband PLASTIC PEOPLE OF THE UNIVERSE von 1974)... die Stimmung kippt dann aber wunderschön wieder in hellere Gefilde und verwöhnt uns nochmals mit dieser unnachahmlich wippenden ANIMALS-Orgel inkl. sirrendem Geigensolo, welches einen bizarren Gypsy-Swing erahnen lässt. Das letzte Stück könnte für praktisch jeden Film als Abspann verwendet werden, Chill-Out mit Banjo und Geige, Balsam für die aufgewühlten Emotionen nach dieser einzigartigen Achterbahnfahrt. Alles gesagt? Noch drei Dinge: die aktuelle Europa-Tour umfährt die Schweiz (noch!) grossräumig, hier einige Eckdaten: 8. Sept: London/Scala - 10. Sept: Paris/Cade le da Danse - 16. Sept: Amsterdam/Paradiso - 18. Sept: Berlin/Privatclub Kreuzberg (jemand von Euch schicke mir davon bitte eine kurze, verwackelte Handyaufnahme :o) - Zweitens: das Album wurde auch im "Magazin" besprochen und provozierte zwei (unabhängig voneinander entstandene) Feedbacks: http://dasmagazin.ch/index.php/max-kung-66/ - Drittens: noch eine Reaktion aus dem Kundenkreis: "Vielen Dank für den Hinweis zu Timber Timbre, der tönt richtig gut und erinnert mich an "Ciao Amore" von NADJA ZELA. Ich finde bei beiden Alben verströmen die Songs eine herzzerreissende, erdige, nach Fernweh riechende und Heimat suchende Sehnsucht" Christian Gallussser-Kesseli (Gitarrist bei Stahlberger).

TIN HAT "Foreign Legion" (32.-) Die Zeit zieht ins Land, immer mehr Bekannte sterben, dafür werden neue junge Menschen geboren... Inzwischen wird die Geigerin CARLA KIHLSTEDT immer bekannter, kürzlich gastierte sie mit ihrem Mann Matthias Bossi (Drums) in der aktuellen Band von FRED FRITH in Zürich , inkl. ihrem Baby auf Tour. Mit dem TIN HAT TRIO gastierte sie erstmals um 2000 herum in einem seltsamen Auktionshaus im Zürcher Seefeld vor 50 Leuten, nebst meiner Freundin Maria kannte ich nur Stammkundin Theodora... Hier vereint sind Konzertaufnahmen von zwei Gastspielen auf Mallorca (Nov 2005) und in Berkeley/CA (March 2008) in der aktuellen Besetzung der Gruppe, die sich seit dem Wegzug von Akkordeonist ROB BURGER nur noch TIN HAT nennt...Dieser süffig instrumentale Americana-Stil (u.a. beeinflusst vom TOM WAITS-Soundtrack "Night On Earth", 1990) wirkt auch diesmal bezaubernd....

CEDRIC VUILLE "Faire" (32.-) Virtuose, verspielte und charmante Instrumentalmusik ! CEDRIC VUILLE ist ohne Zweifel der fleissigste Musiker aus dem Biotop, welches um 1980 am Neuenburgersee bei Neuchàtel begann, mit DEBILE MENTHOL 1981-88, später umgewandelt in ENSEMBLE RAYE (1989 bis heute).... Dies ist bereits das dritte Album des umwerfenden Ukulele-Liebhabers VUILLE, der sich diesmal für die Abmischung die Brüder CLAUDE und GERARD MARCOEUR ausgewählt hat. Track 8 übertrifft gar eine Erfindung von ALBERT MARCOEUR, nämlich bereits vorhandene gesprochene Texte mit einem verblüffenden musikalischen Arrangement zu verknüpfen, sozusagen eine Weiterentwicklung von Marcel Duchamp's "Ready Made". VUILLE lässt sich von Rootsmusik aus Afrika, aber auch europäischen Melodie-Erfindern wie Simon Jeffes (Penguin Cafe Orchestra), Nino Rota oder Lars Hollmer gleichermassen inspirieren. Er ist auch aufmerksamer Beobachter der Musikszene. So ist auch die Besprechung der BEAT CIRCUS in diesem Rundmail seiner musikalischen Spürnase zu verdanken. Seine Musik ist herzlich verspielt, tiefgründig kreativ und von äusserst guter Laune

Plus die versprochene Bonus-Rezension aus Schaffhausen:
C. GIBBS "Medicine Bag" (32.-) Querulant mit grosser Stimme Gastbeitrag von DIANA ZUCCA (mit herzlichem Dank)... Seine Locken sehen Antennen gefährlich ähnlich. Welche Art Wellen er empfängt, welch intergalaktische Schwingungen er in der Lage ist zu absorbieren, weiss man nicht. Aber man spürt, dass es im hauseigenen Labor unter diesem Lockenkopf ständig zischt und brodelt. Der Blick durch die Hornbrille ist grimmig, aber nicht ohne Humor. Und die Extrakte, die der Öffentlichkeit präsentiert werden, sind wie der Mann selber: eigensinnig, sympathisch, authentisch. Die Rede ist von C.Gibbs, Musiker und Sänger aus Brooklyn, der mit MEDICINE BAG sein mittlerweile sechstes Album herausgegeben hat. Sperrig und doch melodiös sind die Songs, intensiv und mitreissend, mit einer Bandbreite von gefühlvoller Zartheit bis zu brachialen Wutausbrüchen. Stilistische Bezeichnungen zu bemühen für den Sound würde dem Künstler, der sich diversester Stile je nach Laune bedient, nicht gerecht werden. Und obwohl ab und zu Reminiszenzen anklingen oder sich der an-welches-Lied-erinnert-mich-das-denn-schon-wieder Effekt einstellt, bleibt C.Gibbs immer sich selber. Ein selbstvergessener Querulant mit etwas Schalk in den Augen und grossem Sinn für Songs und Melodien. Einer, der tut, was er tun zu müssen glaubt und sich dabei nicht beirren lässt.
Mit der Schweiz verbinden ihn enge Freundschaften und eine eingeschworene Fangemeinde. MEDICINE BAG ist zweifellos ein Produkt dieser interkontinentalen Freundschaft. Ein Teil der Songs ist in den Grand Street Studios in Brooklyn von Ken Rich aufgenommen worden, der andere in den DALA Studios in Winterthur von Admiral James T. Abgemischt wurde das Ganze vom Zürcher Filmkomponisten Balz Bachmann. Dieser führt gemeinsam mit Peter Bräker und Leonardo Sanfilippo das Mini-Label Noi Recordings, das MEDICINE BAG verlegt und ebenfalls eine eigenwillige Firma darstellt, die von Zeit zu Zeit Aufnahmen, Songs oder Videoclips veröffentlicht, die in ihrem Umfeld mit Freunden und Bands entstanden sind. Die Vision des Labels war laut Sanfilippo, die packende Energie, die Gibbs an seinen Konzerten freisetzt, auf einem Studio-Album festzuhalten. Obwohl das Unternehmen soweit gut geglückt scheint, kommt man trotzdem um ein Live-Konzert nicht herum. Auf der Schweizer Tournee begleiten ihn die Schlagzeugerin Kristin Mueller und der Bassist und Cellist Frank Heer, welche ihn auch auf dem Cd-Cover flankieren. Während Frank eher den ruhigen Pol markiert, einen schlichten Boden bietet und sich von den Turbulenzen nicht beirren lässt, ist Kristin ein Publikumsmagnet wie Christian Gibbs, ein Pendant, mit dem sie einen lebhaften musikalischen Dialog auf der Bühne pflegt. Ihr Spiel ist so einzigartig wie hervorragend. Sie versteht es, zu begleiten und gleichzeitig zu führen, Druck zu erzeugen mit Raffinesse, wuchtig und doch subtil zu sein, Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen und doch bescheiden zu wirken.

Zuletzt noch drei Veranstaltungshinweise:
Zürich, das grosse CHANSON-FESTIVAL im kleinen Theater STOK, Ausgabe 2010, 21. - 26. Sept 2010 www.padampadam.ch
Das Zürcher El Lokal ebenfalls voll in Fahrt: http://www.ellokal.ch/

Dampfzentrale Bern, 19.-21. Nov 2010 SAINT GHETTO FESTIVAL feat. THE FALL, RESIDENTS, CHARLEMAGNE PALESTINE, STEVEN STAPLETON u.a. www.dampfzentrale.ch