die andere Musik

   

LINDSAY COOPER forever! Eine Würdigung aus Zürich, von Veit F. Stauffer / PDF

Zürich, 24. Dezember 2013

Im Alter von 29 Jahren veröffentlichte die britische Multi-Instrumentalistin Lindsay Cooper das erste Soloalbum "Rags" (1980), gefolgt von "Gold Diggers" (1983) und "Music For Other Ocassions" (1986), auf ihrem eigenen Label Sync Pulse, im Vertrieb von Recommended Records London. Mit dieser Trilogie erarbeitete sie sich den Ruf, eine bedeutende Komponistin zu sein - im Bereich Avantgarde-Rock, Jazz und Neuer Musik. Ihre Musik wirkte zeitgenössisch kühl, aber auch überschwänglich und melodienverliebt. Ähnlich wie Simon Jeffes (Penguin Cafe Orchestra) schuf sie hervorragende Instrumentalmusik, die oftmals einen leicht nostalgischen Touch verströmt und an die Stummfilmzeit erinnert. Alle drei Alben wurden auch auf Vinyl veröffentlicht und sind noch zu erschwinglichen Preisen erhältlich. Spätere Werke wie "Schrödinger's Cat" (1991) "An Angel On The Bridge" (1991) oder "Pia Mater" (1997) wirkten eine Spur gezähmter, dies könnte aber auch mit ihrer heimtückischen Krankheit Multiple Sklerose zu tun haben. Um 1987 ausgebrochen, hielt Lindsay ihr Leiden zehn Jahre geheim, um nicht dauernd darauf angesprochen zu werden. Sie verstummte musikalisch ab 1997, als sich die traurige Gewissheit herumsprach, und lebte nochmals 16 Jahre, umsorgt von einem engagierten sozialen Netz um die Regiesseurin Sally Potter.

DIE CANTERBURY-SCENE
Mitte der Siebzigerjahre traten als wichtiste Exponenten des Progressive Rock Frank Zappa, King Crimson, Pink Floyd und Gentle Giant in Erscheinung. Viele Bands wurden als Geheimtipps gehandelt, speziell auch die sogenannte Canterbury-Scene um Soft Machine mit Robert Wyatt, deren Nachfolgebands beim jungen Label Virgin Records vorübergehend eine Heimat fanden. Dazu gehörte die sehr innovative Gruppe Henry Cow. Ab dem zweiten Album "Unrest" (1974) war Lindsay Cooper mit an Bord, ihre Instrumente: Fagott, Oboe, Sopransax und Flöte. Lindsay Cooper durchlebte zwischen 1974 und 1986 eine der spannendsten Entwicklungen im europäischen Avantgarde-Rock: Zusammenschluss von Henry Cow mit Slapp Happy, inkl. Sängerin Dagmar Krause, Ausstieg von John Greaves, Einstieg von Bassistin/Cellistin Georgina Born in die Band - ein schöner Zufall, damit bestand die Band aus drei Frauen und drei Männern: damals war keine Frauenquote notwendig, aber historisches Bewusstsein. Zwischen 1978 und 1980 folgte dann die Umwandlung von Henry Cow in Art Bears, zuletzt die beiden Alben mit News From Babel 1984 und 1986, inkl. Chris Cutler (dr,lyrics) und Zeena Parkins (harp, accordion). Lindsay Cooper schrieb den vier Ausnahmesänger/innen Robert Wyatt, Sally Potter, Phil Minton und Dagmar Krause die schönsten "Rock In Opposition"-Melodien auf die aussergewöhnlichen Stimmbänder. Led Zeppelin wurden durch die Hymne "Stairway to heaven" unsterblich, Lindsay Cooper aber schrieb das 9-minütige Opus "Victory / Anno Mirabilis", welches im zweistimmigen Finale Krause / Minton ungeahnte Gipfel erklimmt. http://www.youtube.com/watch?v=rU-cgXRcWDI HENRY COW, 6. Dezember 1977 in Kirchberg SG, Photo Jeanpierre Müller, Copyright Rec Rec-Shop. From left: Tim Hodgkinson, Chris Cutler, Fred Frith, Lindsay Cooper, Georgie Born.

"FAGOTT-ROCK"
Auf dem letzten Henry Cow Album "Western Culture" (erschienen im Oktober 79), war Lindsay Cooper in der Band voll aufgeblüht und komponierte die ganze zweite Seite der Platte (die erste Seite schrieb Tim Hodgkinson, inkl. der grossartigen, erst der CD-Version von 2001 hinzugefügten Alfred Jarry-Hommage "Viva Pa Ubu"). "Half The Sky" ist eine sehr dynamische und vielschichtige Komposition von Lindsay Cooper: http://www.youtube.com/watch?v=rakxVEwKTws Das Intro dauert 50 Sekunden, mit starker Präsenz der Gitarre von Fred Frith, dann Einsatz der Orgel von Tim Hodgkinson (deutlich zu hören der Einfluss von Olivier Messiaen). Nach 90 Sekunden das zaghaft beginnende Sopransax-Solo von Lindsay Cooper, sich witzig verhaspelnd wie ein Wollknäuel, deutlich im Kontrast zur nordisch unterkühlten Klangwand im Stil eines Terje Rypdal. Ab 3:45 Min. überraschender Break in den virtuosen Schlussteil mit Anklängen an Gong und Hatfield & The North, dann furiose Tempowechsel mit sich überschlagenden Einfällen. Die Wortschöpfung "Fagott-Rock" erscheint auf der imaginären Leinwand, ganz benommen vom Mitzählen der ungeraden Rhythmen erleben wir den zappaesken Schluss. Auf derselben Seite finden wir "Gretel's Tale": http://www.youtube.com/watch?v=H2xHZm4qgS4 Eine weitere verschlungene Lindsay Cooper-Komposition, leicht unentschlossen aber dennoch spannend anzuhören, vom Anfang bis zum Schluss. Hier ist von 1:24 bis 2:44 Min. die Zürcher Jazzpianistin Irène Schweizer zu Gast, aufgenommen im Sunrise Studio in Kirchberg SG, August 1978. Gab es eine vergleichbare Konstellation nicht bereits in der Geschichte des Progressive Rock? - Genau: beim zweiten King Crimson-Album "In The Wake Of Poseidon" (1970) gab Pianist Keith Tippett auf "Cat Food" eine ähnliche Freejazz-Klaviereinlage zum Besten. Backstage in Zürich Seebach, 14th January 1978, after the Henry Cow Concert. Lindsay Cooper and Irene Schweizer. Photo Doris Stauffer, Copyright Rec Rec Shop. Lindsay Coopers politischen Werke umfassen "Last Nightingale" (November 1984, britischer Minenarbeiter-Streik, enthält ihre bisher nicht auf CD erschienene Komposition "In The Dark Year" mit Robert Wyatt), der Song-Zyklus zum kalten Krieg "Oh Moscow" (1991, im Oktober 1987 am Zürcher Jazzfestival uraufgeführt), "Sahara Dust" (1992) über den zweiten Golfkrieg, sowie im November 1994 Konzertaufführung in Grenoble der "Sarajevo Suite" mit 5-köpfigem Ensemble.

FILMMUSIK UND DAVID THOMAS
Die schönste Cooper-Komposition, der Tango "Plate Dance" vom dritten Album "Music For Other Occasions" 1986, findet sich momentan nicht im Internet, stattdessen hören wir vom selben Album eine andere Perle, das zärtliche "As She Breathes", das auf Samtpfoten heranschleicht und fesselnd Sängerin Sally Potter auf den Leib geschrieben ist: http://www.youtube.com/watch?v=34eYC6efJIs Als Beispiel aus ihrem wichtigsten Album, der Filmmusik "Gold Diggers", wähle ich "Horse Waltz" http://www.youtube.com/watch?v=ePaPpph38bs Der Film "Gold Diggers", ein umstrittenes Frühwerk von Sally Potter, wie auch ein Schlüsselwerk des feministischen Films, ist übrigens hier in voller Länge zu sehen http://www.youtube.com/watch?v=1jmpjE7zGbk --- die surrealen Szenen (ein Pferd erscheint im Tanzsaal) und die prächtigen Naturbilder im Eis rufen eine Stimmung zwischen Luis Bunuel und Ingmar Bergman hervor. Ab 10:10 Min. ist "Horse Waltz" im Einsatz, Phil Minton die Treppe herabschreitend. Bitte verpasst aber nicht die köstliche Szenerie ab 8:25 Min. mit Lol Coxhill (links) und Georgie Born (rechts) im vollen Kostüm. Als Bindeglied zwischen Lenny Bruce (1925-66) und den heutigen Slam-Poeten, hat während den Achziger Jahren der geniale Entertainer David Thomas (Pere Ubu) eine ganze Generation blendend unterhalten, wie diese Aufnahme aus Hilversum (mit viel herzhaftem Gelächter) von 1982 zeigt: http://www.youtube.com/watch?v=dfenUUQ4jYc --- ab 3:40 Min. hören wir Lindsay Cooper im Einsatz. Lindsay spielte das Fagott (engl: Bassoon) virtuos mit Wah-Wah-Pedal, ob sie den Storyteller David Thomas begleitete oder wie hier im Mike Westbrook Orkestra: http://www.youtube.com/watch?v=qp9KZvwOl9M#t=33 LINDSAY COOPER - Backstage in Zürich Seebach, 14th January 1978, after the Henry Cow Concert. Photo Doris Stauffer, Copyright Rec Rec Shop.

DOPPELGÄNGER
Lange suchte ich als 17jähriger Fotos von der Gruppe Henry Cow, auf ihren drei Studioalben war nur ein Socke ("Leg End") abgebildet. Erst auf "Concerts" im Sommer 1976 war die Band abgebildet, aber zuvor hatte ich Lindsay Cooper bereits auf zwei Fotos als Gastmusikerin bei Egg und Steve Hillage entdeckt. Bei der psychedelischen Folkband Comus (deren erste Platte ich im Mai 1979 auf dem Zürcher Flohmarkt fand, die heute im perfekten Zustand bis 1500 Franken gehandelt wird) war Lindsay 1972 vollwertiges Mitglied. Und Lindsay spielte Fagott auf der zweiten Platte "Hergest Ridge" von Mike Oldfield, während ein männlicher Doppelgänger namens Lindsay Cooper (1940-2001) auf der ersten LP "Tubular Bells" Kontrabass spielte... Der Schweizer Saxophonist Christoph Gallio, der lange Zeit intensiv mit ihm zusammenspielte, erzählte mir kürzlich die köstliche Anekdote. Weil sie es leid waren, ständig verwechselt zu werden, organisierten die beiden zu Zweit einen Auftritt mit improvisierter Musik: Lindsay Cooper & Lindsay Cooper. Der Kontrabassist hat sich später in Lindsay L. Cooper umbenannt.

PS. Liebe Lindsay. Heute Nacht hatte ich einen absurden Traum, und beim Aufwachen habe ich sehr gelacht. --- An sämtliche noch lebenden Fagottistinnen und Oboistinnen der Welt wurde ein Schreiben verschickt, an Kammermusik-Ensembles, Symphonieorchester und Musik-Konservatorien. Die Message lautete: " Für das Jahr 2014 ist eine Stelle neu zu besetzen, wir suchen eine Nachfolgerin für die Komponistin Lindsay Cooper (1951-2013). Bitte senden Sie uns Ihre Bewerbung mit Lebenslauf und den üblichen Unterlagen bis 31. Dezember 2013 folgende Adresse …. "
Veit F. Stauffer, Dezember 2013 (dieser Artikel erschien am 12. Dezember 2013, leicht gekürzt und natürlich ohne Youtube-Links, in der Zeitschrift Loop)

Anhang: Am 19. September schrieb ich auf meinem Facebook-Acount: Goodbye LINDSAY COOPER (1951-2013) - A great woman, human being, musician and composer! I remember unforgettable concerts in Switzerland with Henry Cow, Feminist Improvising Group, Mike Westbrook Orchestra, David Thomas & The Pedestrians, and her own Lindsay Cooper Group performing "Rags", "Gold Diggers" and "Oh Moscow". Erste Reaktionen gab es von Marie Schwab (ex-Debile Menthol), Wädi Gysi (ex-Pale Nudes), Fred Frith und Corin Curschellas (im September 1990 stand sie mit Lindsay Cooper am Jazzfestival Willisau auf der Bühne, im Creative Works Orchestra von John Wolf Brennan). Erinnerungen von Sally Potter: http://sallypotter.com/lindsay-cooper/ Erinnerungen von Maggie Nichols: http://womensliberationmusicarchive.co.uk/2013/10/17/lindsay-cooper-3-march-1951-18-september-2013/ Der beste britische Nachruf hier: http://www.theguardian.com/music/2013/sep/24/lindsay-cooper Für Fans der späten Henry Cow, bei meinen Recherchen für diesen Nachruf fand ich diesen 105-minütigen Mitschnitt aus Ravenna / Italy vom 23. Juli 1978: http://www.youtube.com/watch?v=ZO9BH3n1_x0 Die CD "Rags & Gold Diggers" (1980-83/91), 28 Tracks in 70 Min, ist momentan für 25 Franken (statt 32) lieferbar. Zuletzt noch ein Zitat von Rigobert Dittmann aus Würzburg: "In dieser Musik finde ich endlich alles, was ich so süchtig suche und geniesse: die schwindelerregende Schönheit und emotionale Dichte der romantischen und modernen Klassik (von Berlioz bis Berio), das Feuer und die Spontanität des neuen Jazz, das Feeling und das Popflair des progressiven Rock - insgesamt eine geballte Ladung an Vitalität, Vielfalt, Humor und kritischem Engagement ..." (Bad Alchemy No. 2, 1985) und hier sein Nachruf November 2013: http://a23h-ba.blogspot.kr/2013/12/dream-on.html