die andere Musik

   
liebe leute
Zürich, 17. April 2014

- PATTI SMITH war da, wie ihr wisst war ich an einem wichtigen Hochzeitsfest in Amsterdam, aber mein Freund Volkart hat beide Auftritte gesehen. Auch Nadja Zela war beeindruckt, und rückte das Erlebnis zur Liste ihren zehn wichtigsten Konzerte. Mein persönliches Highlight der letzten Jahre mit Patti bleibt der Open Air-Auftritt, Sommer 2010 auf dem Areal der Roten Fabrik am See.

- Dort in der Roten Fabrik möchte ich 2015-17 auch mal die Berliner Legende TON STEINE SCHERBEN vor 800 Leuten sehen. Die Feuerprobe letzten Freitag im Kiff Aarau wurde furious bestanden. Ihre Comeback-Tour durch 12 Städte brachte sie auch in die Schweiz. Ohne Eitelkeit, erstaunlich unprätentiös und präzis, wurden allesamt Klassiker ihres früheren Repertoires 1970-85 dargeboten. Rio Reiser wurde keine Minute vermisst, durch die Texte hatte er gleichwohl eine unglaubliche wie unheimliche Präsenz, dank der Stimme des 20-jährigen NICOLO ROVERA, eine bessere "Kompensation" ist undenkbar. Aber auch die zweite Leadstimme ist beachtlich: die 25jährige ELLA JOSEPHINE EBSEN, Tochter des triumphal in die Band zurückgekehrten Leadgitarristen RPS LANRUE, singt "Wir müssen hier raus" oder "Halt dich an deiner Liebe fest", aber auch den seit 1971 nie mehr aufgeführten Klassiker mit dem Stooges-mässigen Gitarrenlick und dem Intro: "Züge rollen, Dollars rollen, Maschinen laufen, Menschen schuften, Fabriken bauen, Maschinen bauen, Motoren bauen, Kanonen bauen. Für wen?". Zwischendurch drehe ich mich vor der Bühne um, und erblicke die nächste (launige und entfesselte) 25jährige Generation Refrains mitsingen wie "Der Traum ist aus, aber ich werde alles geben, dass er Wirklichkeit wird". Ein grandioses Erlebnis.

- Die Schweiz scheint einen besonderen Nährboden für liebevolle und aufwendige Tribut-Alben zu besitzen, erwähnt seien bloss Benedetto Vigne mit "Lain Fabular" (2005) für die BEATLES auf Rumantsch und Andi Czech / Martin Sturzenegger mit "Comebuckley" (2007) für TIM BUCKLEY. Am 3. Mai 2014 wird im Schauspielhaus mit einem Konzertabend die holländische Kultband NITS geehrt, und die 3er CD "Isnt Nits" wird zum Preis von 35.- Fr angeboten und selbstverständlich auch vom Rec Rec Shop vertrieben. Die beiden altbewährten NITS-Fans Eric Facon (Faze Records) & Beda Senn (Tonangeber GmbH) haben die ambitionierte Sache ins Rollen gebracht. Line-Up: NITS, Mario Batkovic, Baum, Sarah Bowman, Christian Brantschen, Fiona Daniel, Reza Dinally, Fatima Dunn, Eric Facon, Hans Feigenwinter, Mich Gerber, Shirley Grimes, Fritz Hauser, Jurczok1001, Vera Kappeler, Lena Kiepenheuer, Gus MacGregor, Nadja Stoller, Ray Wilko, Big Zis, Nadja Zela.

- Weitere Schwerpunkte Frühling 2014 (Auswahl): das dritte Album "Die Gschicht Isch Besser" von STAHLBERGER mit Band, das ostschweizer Pendant zu Stiller Has, aber mit deutlich jüngerem Publikum. Besticht erneut mit unwiderstehlichem Dialekt, lakonischem Humor und absurd-skurrilen Alltagsbeobachtungen. - Die sparsam produzierende Sängerin NATALIE MERCHANT veröffentlicht am 2. Mai 2014 ihr sechstes Album "Natalie Merchant" auf Nonesuch, Vorbestellungen per Email werden Euch pünktlich ins Haus zugestellt, und wird in genügender Menge hier aufliegen. - Ein weiteres wunderbares Kleinod ist das neunte Album "I'm A Dreamer" der Sängerin JOSEPHINE FOSTER, besonders das Titelstück hat es mir angetan. http://www.youtube.com/watch?v=NfdBZUFWHFs . Grossartiges, "nonchalantes" Piano von Micah Hulscher ab 45 Sekunden, im Zwiegespräch mit der Mundharmonika von Josephine, absolut gedankenverloren, passend zum frühlingshaften Wetter. Und am Montag, 12. Mai 2014 bringt das El Lokal diese Josephine nach Zürich. - Konzertveranstalter Uli Schuwey verzaubert ab heute die Stadt Wädenswil wieder mal mit einem delikaten Osterfestival: LISA LEBLANC, VIOLONS BARBARES, BARBOUZE DE CHEZ FIOR und LE SIROUP D'LA RUE.

- Ein intensives Konzertwochenende erwartet uns am 21. bis 25. Mai. Zuerst der brasilianische Altmeister CAETANO VELOSO im Volkshaus Zürich (21.5), dann das SUN RA ORKESTRA zum 100. Geburtstag am Taktlos Zürich (22.5), dann zweimal die britische Hoffnung SLEAFORD MODS im Taptab Schaffhausen (23.5) und Palace St.Gallen (24.5), zusammen mit BIT-TUNER / GÖLDIN, zum Abschluss am Sonntag in der Reitschule Bern (25.5), die San Francisco-Legende CHROME feat. HELIOS CREED, für zahlreiche Underground Szene-Beobachter garantiert die wichtigere 80er Band als Depeche Mode.

- Der Record Store Day (RSD) fällt dieses Jahr ironischerweise auf den Ostersamstag, an dem viele Leute ins Weekend verreisen.. Der Züri Tipp bringt heute einen sehr schönen Artikel dazu, ich bekam die Gelegenheit, wieder mal auf mein Lieblingscover SLAPP HAPPY 1974 hinzuweisen. Doch die Spatzen pfeifen es von den Dächern, nicht bei allen Plattenläden ist dieser Tag sehr beliebt. Kleine Läden brauchen das ganze Jahr durch eintreffende Kundschaft (die ja tendenziell alle im Netz einkaufen, keine Geduld mehr haben, Läden zu durchwühlen usw.), und nicht nur an diesem Stichtag "Record Store Day". Ausserdem kann ich diese "Vinyl-Euphorie" nicht ganz teilen: seit 1994 erscheinen unverändert von zehn neuen Alben höchstens 2-3 auch auf Schallplatte, der Rest auf CD only. Nehmen wir als Beispiel STILLER HAS (siehe auch das amüsante Interview kürzlich in der Sonntagszeitung), würde diese Band auf Vinyl only (mit Downloadcode) umstellen, wäre ihr Stammpublikum heillos überfordert, das wäre kommerzieller Selbstmord. Trotzdem schade, gibt es einzig "Moudi" (1996) auf Vinyl, die kostet heutzutage rund 100.- Fr. Weiteres Beispiel Ton Steine Scherben: im Raritätenmarkt am teuersten sind die frühen Flexidisc-Singles, sowie die längst vergriffene Gesamtwerk-CD-Box von 2006 (kostet heute rund 500.- Fr). Ich will damit nur sagen: Ich sehe ja im Alltag, wieviel Musik weiterhin weltweit auf CD erscheint, speziell in den Sparten Jazz, Klassik und Ethno / World, bloss gehen die meist im Internet über den Ladentisch. Auch die Schluss-Pointe im Artikel von Dominik Dusek wird erst dann richtig verständlich mit folgender Zusatzinformation: Seit Januar 2014 gibt es für die Beschallung im Laden einen neuen Plattenspieler, der nicht mehr automatisch bei der Auslaufrille abstellt. Trotzdem viel Spass beim zukünftigen Stöbern, und hier ein deftiger Kommentar von meinem Kollegen

Sam Novak vom Berner Laden ROCKAWAY BEACH: " "Wir haben heute die offizielle Pressemiteilung zum Record Store Day 2014 erhalten und glaubten erst an einen verspäteten Aprilscherz, steht doch da tatsächlich folgendes Zitat schwarz auf weiss: "Seit es den Record Store Day gibt, ist Weihnachten schon im April. Mit allem, was dazu gehört: Aufregung, glänzenden Augen, jeder Menge Überraschungen und rappelvollen Läden– aber dafür ohne die winterliche Kälte. Am 19. April ist es wieder soweit - Wir bei UNIVERSAL MUSIC freuen uns drauf!" Die heren Worte stammen von Mario Luesse, Universal Music Group. Wir erinnern uns, Ende 2013 hat uns dieselbe Firma Universal die Zusammenarbeit aufgekündigt (da wir als kleiner Laden schlicht zu wenig bestellen) und wir werden auch nicht mit den Produkten beliefert, die Universal extra für die unabhängigen (unabhängig von was?) Plattenläden zum Record Store Day herausgibt. Ein weiteres Beispiel, wie eine gute Idee mit Hilfe von Geldgier, dem Uebereifer einiger Idealisten und Multinationalen Firmen pervertiert wird. Für kleine Läden, nicht zuletzt in der Schweiz, gilt wohl eher 19. April, kill the independent Record Store Day."

Zum Schluss noch der bescheidene Hinweis auf diesjährige Frühlingspause: vom 22. April bis 3. Mai 2014 bleibt der Rec Rec Laden geschlossen. Wir fliegen eine Woche nach Dublin. Auf der Suche nach dem launischen irischen Speaker im Rundfahrt-Touristenbus, der die Leute mit Fragen unterhält wie: "Was ist der Unterschied von Bono (U 2) und dem lieben Gott?" (Antwort unten).
2014 ist offenbar ein Paarungsfreudiges Jahr, bitte nehmt es mir deshalb nicht übel, dass am Samstag, 10. Mai 2014, der Rec Rec Shop ausnahmsweise geschlossen bleibt, mein Stellvertreter Daniel Huber hat selbst ein Familienfest. Die Nichte meiner langjährigen Lebenspartnerin Maria heiratet im Wasseramt, da will ich nicht fehlen.

Mit herzlichem Gruss, Veit 17. April 2014

WHAT'S THE DIFFERENCE - between Bono and God? God doesn't walk around thinking He's Bono