die andere Musik

   
 
Zürich, 23. August 2015

EDDIE FELDMANN "Hätt är d'Chrütli besser kennt …" (2013, Fish Records, CD-R) 35:15/15 - 20.- Fr EDDIE FELDMANN "Fishsticks 1978-2014" (2015, Fish Records, CD-R) 78:11/30 - 25.- Fr

Geboren am 12. Juni 1964 in Bern. Aufgewachsen in Worb / Kanton Bern, seit 25 Jahren wohnhaft in Zug, Sozialpädagoge, verheiratet, 3 erwachsene Söhne. - Glaubten wir nach den drei hervorragenden Büchern "Hot Love", "Heute und Danach" und "Die Not hat ein Ende" (Hg: Lurker Grand & André Tschan) wirklich alles über die Schweizer Musikszene der 1980er Jahre zu kennen, kommen die zwei Debutalben des verzückten Musikanten EDDIE FELDMANN einer kleinen Sensation gleich. Obwohl allesamt Home-Recordings, kommt der Sound verblüffend klar und die Mundart-Sprache deutlich verständlich daher, und machen die 125 Minuten dieser zwei Alben zu einem grossen Vergnügen. Ein kreativer Derwisch, der nebst überzeugenden Eigenkompositionen zahlreiche bekannte Lieder mit eigenen Mundart-Variationen bestückt, die einige verblüffende Überraschungen enthalten. Adaptionen von JOHNNY CASH ("Bezirksgfängnis Froubrunne Blues"), RAMONES ("Glücklechi Familie)", ROLLING STONES ("Gschpürschmi"), SHOCKING BLUE ("I Ma Nid"), MANI MATTER ("Wilhelm Tell"), POLO HOFER ("Psychose"), JOHN COOPER CLARKE ("I Don't Want To Be Nice") oder WRECKLESS ERIC ("Hoger"), die alle gekonnt zwischen Parodie und Hommage hin- und herpendeln. EDDIE FELDMANN zaubert einige musikalische Raffinessen aus dem Hut, Eddie ist sein bester und treuster Sideman, er spielt im Playback-Verfahren gleich alle Instrumente selbst: Gitarren, Bass, Drums, Klavier, Casio, Ukulele, Kindersax, Xylophon, Salatschüssel, Geräusch … Seit 2012 hat FELDMANN sein eigenes Tape-Archiv systematisch aufgearbeitet, ältere Aufnahmen seit 1978 entdeckt, als er ein "kleiner, dünner Punk" war und sein erstes Stück schrieb, nachdem er zu Besuch in der Stadt Bern von einer Horde Teddy-Boys zusammengeschlagen wurde. Sehr erheiternd, wie EDDIE dieses Erlebnis am 16. Nov 2014 im Pfadizelt der Chilbi Baar mit lakonischem Humor und Sprechgesang im Stile eines souveränen Entertainers zum Besten gibt. Ursprünglich war "Teddyboy" (Tr. 8 der Anthologie "Fishsticks") ein Stück seines ersten Punktrios FISH von 1979. Sehr schön auch der treffende Witz seiner knappen Kommentare zu jedem der 30 Stücke auf "Fishsticks". Aufnahmeorte Niederwangen 1981, Worb 1978-79, Frauenkappelen 1991, Cham 1994, Bern 1983, Brügg 1987 bis Zug 2014. "Rekonstruktion einer uralten, völlig kaputten Kassette. Der spontane Bandriss beim Überspielen (Schrauben und Kleben zum Trotz) gibt dem ganzen die authentische Würze" - oder "Der geniale norwegische Musiker und Innovator Helge Gaarder ist leider 2004 verstorben. Ich habe "Jeg Vil Bli Som Jesus" von Gaarders legendärer Band KJOTT wortgetreu ins Berndeutsche übersetzt, im zweiten Teil aber den norwegischen Originaltext belassen. Es tönt einfach schöner"… In vielen Details wird klar, wie stark sich FELDMANN mit dem Gestus des britischen Punk wie zB. TV PERSONALITIES, speziell auch mit Punk aus der Schweiz auseinandergesetzt hat. Sehr überzeugend, wie er etwa den lockeren Folklore-Punk von MOTHERS RUIN oder SPERMA aus dem Ärmel schüttelt (siehe "Ds Ändi vo dere Wäut", "Ogi" oder "Ueli Isch Ä Souhung"), grossartig auch seine SYD BARRETT-Coverversion "Octopus", eine Widmung an den einflussreichen ersten Gitarristen von PINK FLOYD. Sehr interessant auch die 10-minütige Sound-Collage "Intermission" (1979) des 15-jährigen Eddie, das im Januar 2014 finnisch eingesungene "Ei Mittään" (1978) von HECTOR, eine Adaption von "Nothing" der amerikanischen Ur-Strassenmusiker THE FUGS - oder "Acht kurze Gedichte" (2012, die zeigen: die DADA-Bewegung oder ein ANDRE THOMKINS sind ihm nicht unbekannt). Um 1990 herum spielte er in einem Hardcore-Trio namens HUMANOPATHIX, mit dabei war dort PETER SARBACH (als Brachial-Schlagzeuger), der ab 1997 als Liedernarr ins Sortiment kam vom Rec Rec Shop und seither 8 CDs bei Sound Service veröffentlicht hat. EDDIE FELDMANN kenne ich seitdem als seltenen, aber aufmerksamen Gast (er liess sich Shop-Konzerte von WELTTRAUMFORSCHER oder PATRIK FITZGERALD nicht entgehen), aber das Universum seines musikalisch-poetischen Archivs war auch mir bisher unbekannt. Mehrmals bereits wurden seine Alben direkt aus dem Player gekauft, als ich sie in Vorbereitung zu diesem Review im Laden laufen liess. Geplant sind baldige Kostproben seiner Stücke auf dem Youtube-Kanal, und natürlich braucht er jetzt auch seine eigene Solo-Performance im Rec Rec Shop.

EDDIE FELDMANN, Samstag 24. Oktober 2015, 16h30 - auf Kollekte, mit Gratisdrinks (Wein, Bier, Mineral, Orangensaft). Anmeldung von Vorteil, aber auch spontane Besucher/innen willkommen. (Jede Anmeldung wird umgehend per Mail bestätigt.)

"ROMANTIC WARRIORS III – CANTERBURY TALES" (USA, 2015, 118 minutes) - A Film By ADELE SCHMIDT & Jose Zegarra Holder - NTSC All Regions DVD - an Lager zu 25.- Fr - Ebenfalls an Lager und sehenswert: ROMANTIC WARRIOS II, 2012 von Adele Schmidt & J.Z.Holder, about ROCK IN OPPOSITION, 98 Min. - 25.- Fr

Der Trailer: ---- eine Prise GONG-Madness darf natürlich hier nicht fehlen ---

Ein aktueller Dokumentarflim über die CANTERBURY-Scene? Basierend auf zahlreichen Interviews und interessanten wie bildhaften Konzert-Raritäten aus der Zeit? Her damit - und rein ins Vergnügen! Canterbury stand für eine progressive Rock-Fusion an der Schnittstelle zum Jazz, mit dem Merkmal von warmen Orgelklängen und androgynen Männerstimmen, sowie zappaesk vertrackten Rhythmen. Aktiv hauptsächlich von 1967-78, aber mit unbeugsamen Ausläufern und Revival-Bands bis in die Gegenwart, plus jüngeren Bands wie SYD ARTHUR, mit Musikern um die 25 Jahre, die dem Canterbury-Groove nacheifern. Sehr lebendige und auch anheimelnde Interviews: allen voran der Conferencier DAEVID ALLEN, der trotz fortgeschrittener Krebserkrankung höchst charmanten, spirituell-anarchistischen Esprit versprüht. Wir treffen auf den jung gebliebenen CARAVAN-Keyboarder DAVID SINCLAR (optisch und sprachlich: verblüffende Verwechslungsgefahr mit TIM HODGKINSON of Henry Cow), der nach dem ersten Album von MATCHING MOLE (hervorragende SOFT MACHINE-Nachfolgeband mit ROBERT WYATT : Vocals & Drums) den Keyboard-Sitz DAVE MACRAE überliess, weil ihm die Musik (mit Anspruch Improvisation) zu kompliziert wurde. Ebenfalls jung geblieben: der Optimismus versprühende World Music-Pioneer DIDIER MALHERBE (Sax & Flöte bei GONG), der mich wiederum verblüffend an JEAN-VINCENT HUEGENIN (Debile Menthol, Nimal, Ensemble Raye) erinnert. Schön auch der Einbezug der niederländischen SUPERSISTER, durch den sympathischen Keyboarder ROBERT-JAN STIPS, später bei NITS. Mit feinfühligem historischen Gespür, ähnlich was CEDRIC VUILLE für die DEBILE MENTHOL-Szene bedeutet. Sprich: die Originaldokumente aus der Zeit wurden gesammelt und nie fortgeworfen… Und wir treffen auf den ultimativen Canterbury-Kenner AYMERIC LEROY, der seit Jahren an einem bisher unveröffentlichten Buch über die Szene arbeitet… auf den leicht weggetreten, aber sympathisch wirkenden Gitarrist PHIL MILLER (Matching Mole, Hatfield & The North, National Health), den korpulenten BILL MACGORMICK (Quiet Sun, Phil Manzanera's 801 u.a.) sowie Bassist ROY BABBINGTON (Soft Machine, Nucleus) … nicht zu vergessen MONT CAMPBELL (Egg, Arzachel), inzwischen der Esoterik zugeneigt, der amüsiert berichtet, dass er um 1977-78 die kompliziertesten Stücke für NATIONAL HEALTH schrieb, die aber nach seinem Abgang von der Gruppe umgehend aus dem Repertoire gestrichen wurden …die erfrischenden Ansichten des Osteuropäers LEONARD PAVKOVIC von "Moonjune-Records" … der klarsichtige, ab 1973 bei CARAVAN eingestiegene Geiger GEOFFREY RICHARDSON, später auch bei SIMON JEFFES / PENGUIN CAFE ORCHESTEA massgeblich beteiligt …. aber Veit: alles gut und recht, aber hat diese Szene denn auch "Hits" verzeichnet? --- Antwort: bereits in den 1970er Jahren schafften es wirklich kreative und originelle Ohrwürmer nicht in die Hitparade:

SUPERSISTER "Radio" (1972)
CARAVAN "Gold Girl" (1971)
MATCHING MOLE "Oh Caroline" (1972)

ROBERT WYATT "I'm A Believer" (1974)
MATERIAL "Memories" (1982)

und noch eine Kuriosität von 1982, die tragisch früh verstorbene WHITNEY HOUSTON singt drei Jahre vor ihrem Solodebut auf einem BILL LASWELL / MATERIAL-Album eine ROBERT WYATT-Ballade, die erstmals 1967 von SOFT MACHINE eingespielt wurde ---

Keyboarder MIKE RATLEDGE bringt es im Trailer nach 1:20 Min auf den Punkt: "Everbody Is Part Of The Soft Machine" --- und wir zogen aus und gründeten mit diesem Spirit Rec Rec Zürich, und wir hatten das Glück, ROBERT WYATT-Platten im Vertrieb zu haben sowie mindestens vier WYATT-Fans unter den Schweizer Musikjournalisten zu finden : Tommy Bodmer (Tages Anzeiger, Züri Tipp), Wolfgang Bortlik (20 Minuten, Alpenzeiger), Markus Ganz (NZZ) und Urs Musfeld (DRS 3, Sounds)

Ein Minuspunkt für die kitischige Covergrafik: das geht weit hinter die schlechtesten Albumcovers von ROGER DEAN aus den 70er Jahren zurück...

Keep In Touch, mit herzlichem Gruss, Veit Stauffer