die andere Musik

   
hier ist er wieder, der Veit.
Zürich, 03. März 2016

Musikszene Schweiz: nachdem mich im Jahr 2015 die Alben von VERENA VON HORSTEN, KLAUS JOHANN GROBE und DOOMENFELS am meisten begeistert haben, gibt es hier wieder einen reinen CH-Special mit zwei neuen Alben, einem Film und ausdruckbaren Memoiren.
Um das Rundmail nicht zu überladen, kommt die Neuheitenliste demnächst, auch der genauere Hinweis auf Samstag 23. April 2016 Fotomuseum Winterthur, 15h-18h: dort werde ich zusammen mit PETER BÄDER (Grafik) und MARCUS MAY (Organik Label) mit Musik und Talks die 1980er Jahre des Rec Rec-Labels heraufbeschwören - mit bestem Gruss Veit

NADJA ZELA "Immaterial World" CD 28.- / LP 30.- im Versand 35.- Erscheint am 11. März 2016 12 Tracks über 48 Min. Nach ihrem famosen Dark-Folk-Blues Album "Wrong Side Of Town" - bestverkauftes Album 2012 im Rec Rec Shop - folgt nun nach vier Jahren ein weiterer grosser Wurf der Zürcher Sängerin und Gitarristin NADJA ZELA. Die ersten vier Durchgänge kann sich der Schreibende gar nicht auf die Musik konzentrieren, er ist dermassen von der Stimme fasziniert. Da sind sie wieder: diese unsterblich scheppernden, stimmungsvollen Banjo-Rhythmen und -Melodien. Die Stimme ist aufbrausender denn zuvor, auch eine hervorragende Leadgitarre (NICO FEER) sticht hervor. Ferne Echos schwebender Blues-Instrumentals der DOORS aus Kalifornien, wenn E-Gitarre und Orgel miteinander zerfliessen. Diese Sängerin versteht etwas von Dramaturgie und Intonation der Stimme, da ist durch die Jahre ein verblüffend breites Spektrum entstanden. Wenn sie aus den tiefen zu hohen Stimmlagen mäandriert: die Texte haucht, raunt und wispert. - Im nächsten Moment klingt Nadja fröhlich wie einem ROBERT CRUMB-Comix entsprungen! Magisch durchtriebene Texte in der Ballade "Hidden Twin", mit dem wunderbaren Sound der Klarinette. "Sunday Morning" beschwört sogar den orgelgeprägten Garagen-Rock-Drive der MODERN LOVERS feat. JONATHAN RICHMAN von 1972 herauf. Und mein Lieblings-Rockkritiker Reto Aschwanden hält in seiner Rezension im Loop fest: da schliesst sich auch der Kreis zum frechen Pop der Frauenband ROSEBUD feat. NADJA ZELA, mit zwei Alben von 2000 und 2002. "Immaterial World" ist ein sehr empfehlenswertes Album, mit auch psychedelischen Roots, hörbar in allen Lebenslagen: selbst als Background gehört beim Abtrocknen besteht Gefahr, das Besteck falsch einzuordnen:-

im Monat März 2016 gibt es beide ROSEBUD-CDs, bestellbar zusammen für 28.-, einzeln 20.-

MR. CLAUDIUS SKYBIRD SENIOR "Kimihurura Tapes" CD 28.- Vö: 18. März 2016 Das berauschende Comeback-Album "Kimihurura Tapes" von MR. CLAUDIUS SKYBIRD SENIOR erscheint am 18. März 2016, aufgenommen in Kigali / Rwanda. Wahrlich viel Zeit gelassen hat sich CLAUDIUS SCHOLER (*1965), Basler Musiker und seit 20 Jahren Mitarbeiter Rotes Kreuz in Afrika. Das beste Afro / Reggae Roots - Album aller Zeiten aus der Schweiz, gespickt mit ergreifenden Songperlen. Mein absolutes Lieblingsstück: "Mr. Sheriff" - der wippende Reggae ist entspannt und groovend zugleich, eine wunderschöne karibische Melodie, die an ähnlich beschwingte Stücke von KEVIN AYERS erinnert. Im weiteren verwöhnt uns MR. CLAUDIUS SENIOR mit drei ausgewählten Coverversionen: "To Ramona" von BOB DYLAN, "Jockey Full Of Bourbon" von TOM WAITS und das überraschende "I Thought" von BRIAN FERRY (eine späte Zusammenarbeit mit BRIAN ENO auf "Frantic" von 2002), welches SKYBIRD hier mit einer herzhaften Mali-Gitarre ausfaden lässt. Dann auch spannungsgeladene Ausuferungen wie die Sirenen, Maschinengewehr-Salven und Helikopter am Ende von "Rebellion". Bassist DJEDJE OKUMU brilliert auch mit zwei Sprechgesäng-Einsatzen im Stile eines LINTON KWEESI JOHNSON. Die Arrangements allgemein sind bemerkenswert, da wurde nichts dem Zufall überlassen. Hinreissende Background-Vocals (SERAH CHIHANGA aus Kenya, ROSETTE KARMBA aus Rwanda, LINDA OBONO aus Cameroon), ein abgebrühter Reggae-Drummer (KARIM HABINANA aus Rwanda), ein Routinier an der Orgel aus dem Zürcher Studio & Label Ganzerplatz (RAMON ORZA), elegante Grafik von ALAIN KUPPER, eine alte Basler Seilschaft. Auch eine Figur aus dem Umfeld des Ziegel au Lac war mit Perkussion an Bord (GUSTAVO DELUXE aus Peru) - Bemerkenswert auch die Stilsicherheit mit im Kreise gehenden Mantrafiguren ("Orange Yellow Sunshine") - oder das vielleicht schönste Beispiel dafür, dass SKYBIRD SENIOR inzwischen (zumindest symbolisch) schweiz-afrikanischer Doppel-Bürger geworden ist : "Fatoumata". Zuletzt noch Erwähnung des dreckig rockigen "Red Dirt Highway" (mit Videoclip auf Youtube), das mit munterem Afro-Beat endet. Gefolgt vom nicht weniger rockenden "Ndoki Girl", die Drums verstärkt durch den Schweizer FRANK MOTTIER. Irgendwann wird SKYBIRD das Album bestimmt auch auf einer Zürcher Bühne präsentieren, wie bereits August 2013 im Helsinkiklub, damals mit Lukas Müller (Bass), Aad Hollander (Drums) und Steppin Tawmus (Guitars).

im Monat März 2016 gibt es beide SKY BIRD CDs von 1990 + 1993, bestellbar zusammen für 40.-, einzeln 25.-

AERONAUTEN - 16:9 Film auf USB-Stick über 60 Min. plus Bonusmaterial 40 Min. exklusiv Verkauf an Konzerten oder im Rec Rec-Shop: 28.- Fr "Die schlausten Vollidioten aller Zeiten" - "Sie verschwendeten ihre Jugend - Jetzt tun sie dasselbe mit dem Alter!" Ein schönes und spannendes Dokument über 25 Jahre Schweizer Musikgeschichte, im Dreieck Bodensee, Schaffhausen und Zürich - am Beispiel der unverwüstlichen Gruppe AERONAUTEN. Bassist HIPP MATHIS war zusammen mit GUZ von Anfang an mit dabei, und verfügte über zahlreiches Bildmaterial. Zu seinem Ausstieg aus der Band schenkt er uns diese Perle. Nicht auf DVD, das ist offenbar teurer und aufwendiger - und soll auch Deutschland als Verkaufsort angepeilt werden, hinkt die FSK ("Freiwillige Selbstkontrolle") hinter Dir her. Hipp erweist sich als aufmerksam witziger Protagonist und sammelt durch Interviews mit Weggefährten aufschlussreiche Anekdoten und Bonmots. Der Strassenmusiker GUZ war ihm damals im trüben Rorschach aufgefallen, sehr schön die Anekdote, als die Mutter von Hipp dem Guz ein Aufnahmegerät schenkte. Der Rec Rec Shop hatte ab Frühling 1984 am Eingang links eine grosse Kassetten-Abteilung mit Abhörstation plus Kopfhörer. Ich erinnere mich gut an seine Besuche mit den ersten Tapes, die sehr gut ins Sortiment passten. Einziges Rätsel: warum um Himmels Willen spricht GUZ durch den ganzen Film auf hochdeutsch? HIPP hat doch die Mundart so wunderbar untertitelt, auch an Stellen, wo der Bildschirm schwarz wird:- Feat: Die Aeronauten, Bernadette La Hengst, Boni Koller, Dan Suter, DJ Patex, Frank Spilker, Knarf Rellöm, Manuel Stahlberger, Rocko Schamoni, Schorsch Kamerun u.a.

Womunidure: https://www.youtube.com/watch?v=mnfBYZOD0pg Bisher knapp 8000 Klicks - Ich wage die Behauptung: in 14 Jahren wird dieser Song (aus dem Album von 2010: "Hallo Leidenschaft") zu den Klassikern gehören der Schweizer Mundart, unglaublich schön, auch der Kommentar dazu von Hipp Mathis: "Wo muss ich durch, oder wo gehts lang zu dir, oder wie zum Teufel find ich einen Weg zu dir, oder tu jetzt noch so zickig und komm in meine Arme."

KURT MALOO "Ausbildung zum Kapitän" (Memoiren, 2013) Einerseits dokumentiert es ausführlich den Werdegang der musikalischen Entwicklung ab 1976 mit Troppo, bis hin ausführlich zu Double ab 1984, es lässt für mich kaum Fragen offen. zB. glaubte ich bis heute, Phil Manzanera hätte ein unveröffentlichtes Album von Troppo produziert, doch in Wahrheit waren es vier Songs (frühe Demos) von Double. Die Erlebnisse sind in flüssiger, gut lesbarer Form verfasst, liest sich teilweise wie ein detailiertes, hervorragendes 150-seitiges Interview, mit liebevollen Details.
Kulturhistorisch hat dieses Buch bereits seinen festen Platz in der zukünftigen Rezeption der Limmatstadt. Nirgendwo las ich bisher solch authentische Berichte über den Hirschen (Black Sabbatth, Nov 1969), die Platte 27, das Odeon, Malatesta oder Kontiki. Details zum Plattenladen America Sound, auch ist es eindrücklich zu lesen, dass Kurt und sein Umfeld sich in den Anfängen sehr innovativen Avantgardejazz von Art Ensemble of Chicago sowie Carla Bley (das Tripple-Album "Escalator Over The Hill") anhörten.
Sehr schöne Anekdoten, wie die überraschende Begegnung mit Greta Garbo in den Schweizer Bergen beim Tennis spielen - oder der merkwürdige Abgang von Anton Bruhin an einem Künstlerfest um 1975 am Zürichsee.
Was die Verlage betrifft, bemängeln die natürlich die "fehlende literarische Gestaltung" im Text, was ich persönlich nicht verstehen kann, geht es doch hier um die Schilderungen von sehr eindrücklich memorierten Erinnerungen. Längst nicht alle Menschen haben dieses Talent, oder würden sich daran heranwagen. Das Genre wird grundsätzlich unterschätzt. Die lesenswerten Memoiren von Teddy Stauffer sind seit rund 45 Jahren im Handel vergriffen, über die spannende Biografie zu Lady Shiva (Willi Wottreng) wurde in meinem Freundeskreis gelästert, allerdings von drei Personen, die das Buch nicht (zuende) gelesen haben. Natürlich kann auch eingewendet werden: es gab nie wirklich Probleme im Leben von Kurt Maloo, er ist ein "Sonntagskind", selbst wenn er über Drogen-Experimente schreibt, hat er den Absprung damals scheinbar mühelos geschafft ...
Andererseits, ähnlich wie Yello / Dieter Meier, hat Maloo / Double im Repertoire des Rec Rec Shop seit 1981 keine prägende Rolle gespielt, dies zu behaupten wäre gehochstapelt. Wir hatten kein Publikum für "The Captain Of Her Heart", wobei ich den Song damals recht clever fand und mir das Timbre der Stimme grundsätzlich gefiel. Rückblickend gefallen mir rund fünf Double-Songs, auch in der Affinität zum brasilianischen Bossa Nova der 60er Jahre, ich hoffe Kurt kennt auch den Mexikaner Esquivel oder die beiden Zürcher Taxi Val Mentek, die beide um 1995 herum im Sortiment neue Akzente setzten.
Im Schweizer Punk-Kontext werden die Memoiren von Maloo kaum bedeutsam sein, was damals gleichzeitig ab 1977 in Zürich lief, wird kaum reflektiert. Aber dafür gibt es ja andere Bücher und Publikationen ... http://kurtmaloo.com/media/Captain_d.pdf