TAZARTES forever!

TAZARTES forever!

Nachruf vom 14. Februar 2021

Ein Nachruf aus Zürich
für GHEDALIA TAZARTES (12. Mai 1947 - 9. Februar 2021)

Es entbehrt nicht einer gewissen Ironie, dass der phänomenale Sänger aus Paris mitten im europäischen Kälteschock starb (im Alter von knapp 74 Jahren an Krebs), während ich jahrelang durch die Winterzeit eher darüber besorgt war, alle meine Tazartes-Platten beisammen zu haben, als ob meine Heizung funktionierte.

Tazartes war ein Spätzünder, während TIM BUCKLEY mit demselben Jahrgang 1947 zwischen 1966-75 ein ganzes Lebenswerk über neun Platten ablieferte, veröffentlichte Tazartes sein Debut erst 1979 mit „Diasporas“, praktisch aus dem Nichts. Eine radikal schöne Fortsetzung der „Lorca“- und „Starsailor“-Phase von Tim Buckley 1970.

Tazartes ist eine absolute Schlüsselfigur meiner musikalischen Entwicklung seit 1980. Nie vergesse ich den beeindruckenden Auftritt am Reims-Festival im April 80: ganz in schwarz gekleidet, auf halb verdunkelter Bühne schrie er sich seine Sehnsüchte und Leidenschaften aus dem Leib, begleitet von Tonbandaufnahmen in Richtung Performance. Drei Monate später fand ich seine vergriffene LP „Diasporas“ im Mailorder-Katalog von Crammed Disc/Brüssel. Im Winter 1984-85 war dann mit „Eclipse Totale De Soleil“ (Celluloid) endlich ein Album von ihm regulär erhältlich, wir verkauften im Rec Rec Shop über 75 Exemplare.

Ich kontaktierte ihn in Paris, und vermittelte ihm zwei unvergessliche Konzerte in Zürich und Bern, im Mai 1987. Tags darauf trafen wir uns im Café Select, irgendwo im Archiv gibt es Fotos von dieser Begegnung. Ich erfuhr, dass er zur Inspiration fast ausschliesslich moderne Klassik und enthonolgische Musik anhörte. Ich schenkte ihm „Starsailor“ von Tim Buckley, er schickte mir aus Paris sein vergriffenes zweites Album „Transports“.

Vom aktuellen vierten Album „Tazartes“ (Ayaa) gingen wieder über 75 Ex. über den Ladentisch. Im März 1989 besuchte ich ihn in Paris, zusammen mit Fidel Peugeot (Baboons, Sky Bird), er spielte uns in seinem Atelier unveröffentlichte Bänder vor, ein Stück klang wie ein Orgelwerk von Olivier Messiaen. Ich wollte ihn auf meinem Label „Because Of You“, aber ich verlor 1989-90 die Kraft, war zu stark mit dem Nachlass meines Vaters beschäftigt, und gab BOY schliesslich an zwei Freunde in Basel weiter. Ich traf Tazartes wieder 2009 am Berner Konzert, nach über 20 Jahren. Konnte ihm einen Link zum Label „Vinyl On Demand“ vermitteln, dort erschien 2011 eine schön aufgemachte 4LP-Box. Freute mich dann unglaublich, als ich hörte, dass Tazartes 2010 und 2013 zwei Alben veröffentlichte auf dem Label „Hinterzimmer“ des langjährigen Rec Rec-Mitarbeiters Roger Ziegler.

Résumé Februar 2021: In den letzten 15 Jahren erfreute sich der Musiker einer wachsenden Beliebtheit: zahlreiche neue Aufnahmen sowie Wiederveröffnentlichungen erschienen auf verschiedenen Labels, die Originale der 1980er Jahre wurden zu gesuchten Collector Items.

Im November 2009 ist Tazartes am Saint Ghetto-Festival aufgetreten, Juni 2013 am Taktlos Zürich. Fast alles Material wurde auf seinem Bandcamp-Kanal zugänglich gemacht, wenn auch mit abweichenden Covers, aber klar betitelt mit Jahrgang. Deshalb zeigen die Links in diesem Nachruf alle auf Bandcamp ( und nicht auf Youtube. )

Der Musiker hat seine Visionen auch auf die Bühne gebracht, und musizierte nicht nur im stillen Kämmerlein. Wenn auch seine Musik oftmals unter den Genre-Begriff „Kammermusik“ passt, entdecken offene Ohren immer wieder verblüffende Elemente in Richtung Techno, Musique Concrete, Sciene Fiction-Soundtracks oder Black Metal.

Bezeichnend dafür scheint mir das kürzlich entdeckte 68-minütige Interview im Cafe Oto (UK) im Februar 2016, zweisprachig geführt mit Dolmetscherin. Mit viel Esprit und Humor erklärt Tazartes, warum er (fast) nie die englische Sprache verwendete, und warum er glaubt, dass die „Tape-Maschine“ sowie Jahre später das „Sampling-Gerät“ extra für ihn erfunden wurde. Wer ihn noch nicht kennt und sich näher mit Tazartes befassen möchte, darf sich musikalisch auf eine abenteuerliche Reise freuen.

Sehr schön auch der Nachruf im „Wire“ von DENNIS TYFUS (*1979), der mit folgenden Worten endet: *** In November last year we were in touch about a possible future project. His response was as sad as it was beautiful: “I won’t be able to do anything any more, I am very ill, I got two different cancers, one a very bad one. Please don’t worry, I had a wonderful life”.
Thank you Ghédalia Tazartès. Rest in peace! ***

TAZARTES auf Bandcamp


Zürich, Mai 1987. Ghédalia Tazartès (40) mit Veit (28) und Orlando (2)

(Amateurkamera mit Selbstauslöser)